Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 09.11.2017

irgendwie muss ich jedes Mal etwas an den Film „A Clockwork Orange“ denken, wenn ich Flamingos, Pelikane und Co. um das Schloss im Tierpark ziehen sehe, als hätten sie irgendwie LSD oder Psychopharmaka verabreicht bekommen. „Warum fliegen die nicht weg Papa?“, fragte mich mein Sohn letztens. Die passende Antwort wäre gewesen: „Weil sie flugunfähig gemacht wurden, mein Sohn.“ Nun, das kann man einem Dreijährigen nicht erzählen. Also sagte ich: „Weil die nicht fliegen wollen, die sind gerne hier.“ Und dass die Tiere gerne im Tierpark leben, lässt sich auch nicht ausschließen. „Geduldete Tierquälerei“ jedoch nennt die Tierrechtsorganisation Peta die Praxis von Zoos, Vögel durch Stutzen der Federn flugunfähig zu machen. Und stellte nun Strafanzeige gegen 20 deutsche Zoos und Tierparks wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Hier nachzulesen. Dort findet sich auch eine Diskussion zwischen einer Zoo-Mitarbeiterin und Peta.

Wo immer einem Tierchen ein Härchen gekrümmt wird, Peta ist nicht weit. Viele regt das richtig auf; sonderlich beliebt sind die Tierrechtler*innen nicht. Sie vergleichen das Flügelstutzen jedenfalls damit, einem Menschen die Beine zu brechen. Der Tierpark wehrt sich gegen die Vorwürfe und vergleicht es mit Nägelschneiden beim Menschen. Ich meine, dass da was nicht stimmt, wenn Pelikane und Co. einfach so rumsitzen und nicht wegfliegen, hätte schon früher auffallen können.

Jeden Tag zahlen Leute viel Geld um sich Tiere anzuschauen, die praktisch keine mehr sind. Vögel, die nicht mehr fliegen können, sind keine Vögel. Bekannt ist bereits, dass die Elefanten viel Schmerzhaftes über sich ergehen lassen müssen, damit sie so still und ruhig da herumstehen. Und was bei den Eisbären läuft, ist auch nicht ganz koscher: Peta sprach bei Eisbärenjungen „Fritz“ von Verhaltensstörungen – und gab dem Tier nicht lange zu leben. Da hieß es zunächst, die Tierrechtler*innen würden es übertreiben – doch wenige Wochen später verstarb Fritz tatsächlich. Noch immer ist der Tod des Tieres ungeklärt. „Wir stehen vor einem Rätsel“, sagt der Tierpark. Vielleicht will man keine Fehler zugestehen, oder sieht sie nicht. Vielleicht hätte man schon damals mal wenigstens mit den verhassten Tierrechtler*innen sprechen sollen.

Aber klar: die Tiere sollen gut angeschaut werden können. Daher werden sie quasi aus der Natur ausgeschnitten und wie in ein Bilderbuch in den Park geklebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Zoo-Tiger noch eine Antilope jagen und reißen könnte. Vermutlich würde er sogar vor ihr flüchten. Wenn er das noch kann. Es sind praktisch keine Löwen mehr, die wir da sehen. Vermutlich wurden Fangzähne und Co. geschliffen, Klauen beschnitten etc. Es sind Anschauungswesen. Sie alle wären nach zwei Tagen in „freier Wildbahn“ tot. Sie würden vermutlich, öffnete man ihnen die Käfige, einfach darin liegen bleiben und weiterhin auf ihre Fütterung warten.

Vielleicht stellt sich bald heraus, dass die Bären nicht mehr brüllen können, die Affen unter Drogen stehen, anstatt Zebras einfach Pferde schwarz-weiß angemalt wurden und die Giraffen vollständig aufgemalt sind. Wir Zoo-Besucher*innen würden es wohl kaum merken. Was die Tierhaltung angeht, müssen wir auf die Expert*innen vertrauen. Die Peta-Liste mit Missständen in den Zoos ist lang. Vielleicht täte eine Zooleitung gut daran, nicht nur zurückzuschimpfen, sondern den Dialog zu suchen. Was können wir für unsere Tiere tun? Sicher wird nicht alles, was Peta fordert, umzusetzen sein. Und über deren öffentlichkeitswirksame Art und Weise, Kritik zu äußern, lässt sich wahrlich streiten. Aber ihre Kritik wenigstens mal ernst nehmen, könnte wohl nicht schaden. Auch dort arbeiten Expert*innen. Ansonsten könnte sich bald eines herausstellen: Zoos sind immer auch Tierquälerei. Sollte sich dies nicht ändern, hilft wohl irgendwann nur:

Schließt den Tierpark! Dann wäre in Berlin auch wieder massig Platz für das, was wirklich benötigt wird: Wohnungen, Kitas, kostenfreie Parks etc. Die Grünen bereiten im Moment bereits eine Anfrage zum Thema vor. Inwiefern weiß das Bezirksamt von den Zuständen der Vögel im Tierpark? Verstößt der Park mit dem Amputieren von Flugfedern gegen Tierschutzgesetze? „Die gegen den Tierpark Berlin erhobenen Vorwürfe müssen sofort aufgeklärt werden“, fordert der tierschutzpolitische Sprecher der Grünen, Stefan Taschner, bereits. „Vögel deren Flügel gestutzt werden müssen, um im Tierpark gehalten zu werden, haben dort nichts zu suchen. Das Wohl der Tiere muss in jedem Fall Vorrang haben.“ Ich frage mich, wann die Grünen zuletzt in einem Zoo gewesen sind. Wozu gibt es eine Partei, die sich Tierschutz auf die Fahnen schreibt, wenn erst die unbeliebten Peta-Aktivist*innen kommen müssen, damit auffällt, dass da was mit den Tieren nicht stimmt? Jedenfalls täten nun alle Beteiligten gut daran, sich der Kritik nicht zu verwehren – auch Peta selbst. Die Tiere könnten dankbar sein.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf Facebook und Twitter und Instagram. Einblick in seine literarischen Bemühungen findet ihr auf Robert-Klages.de