Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 12.03.2018

Delbershah Sarchashmah scheint zunächst die wichtigste Person im Raum zu sein. Er muss mir seinen Namen fünfmal buchstabieren – und ich fürchte, so ist er immer noch falsch. Sarchashmah spricht Paschtu, Persisch, Tadschikisch, Englisch, Arabisch und Deutsch. Damit übersetzt er die Einführungen von Chorleiter Till Schwabenbauer. „Stimmentausch“ gibt seit zwei Jahren – bestehend aus Afghanen, Syrern, Biodeutschen, Deutschen, Geflüchteten … und Personen, die sich keiner Nation oder Nationalität zugehörig fühlen (so, wie ich).

„Heimat, du bist aufgegangen“, singen sie. Das ist keine Zeile aus einem deutschen Schlager, sondern aus einem afghanischen Lied, das sie ins Deutsche übersetzt haben. Mohammad Ali (heißt wirklich so) hat das Lied auf Youtube gefunden und sich selbst etwas Gitarre spielen beigebracht – damit begleitet er die Stimmdarbietungen der Gruppe. Er ist seit knapp drei Jahren in Deutschland. Natürlich werden auch deutsche Volkslieder wie „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen, eine Farsi-Übersetzung liegt aber noch nicht vor.

Dann surren sie herum und stechen sich gegenseitig. Sie sind Bienen, nationslos. Aufwärmübungen. Anschließend Singsang, keiner Sprache zuzuorndnen. „Wir machen was mit Tönen“, erklärt mir jemand. „Hier wird jeder zum Singen gebracht.“ Ich muss auch, kannste nichts machen. Macht dann auch richtig Spaß.

Für das nächste Lied wird die Sitzordnung neu sortiert: Deutscher, Migrant, Deutscher, Migrant … dann das Lied nochmal auf englisch. „Everybody singing a Song.“ Anschließend werden die Sprachen gemixt und die Strophen unterschiedlich intoniert. Übersetzer Sarchashmah hat längst den Raum verlassen. Es klopft an der Tür. Pause. Irina aus der Ukraine will auch mitmachen. Sie stellt sich kurz vor und steigt ein. Am Ende der Gesangsstunde klingt es unisono: „All you have to do is raise your voice, it’s a simple choice.“

Geprobt wird seit zwei Jahren in der Kiezspinne, Schulze-Boysen-Straße 38. Anmelden und Bezahlen nicht notwendig. Einfach hingehen und Stimme erheben, jede*r ist herzlich eingeladen, auch mal nur vorbeizuschauen. Vorderstes Ziel ist Spaß haben und gemeinsam etwas machen, natürlich auch der Spracherwerb und das Kennenlernen. Jeden Donnerstag um 18 Uhr.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf Facebook und Twitter und Instagram. Einblick in seine literarischen Bemühungen findet ihr auf Robert-Klages.de.

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