Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 28.05.2018

Poesie und Fahrradfahren, Günter Steinmeyer macht beides – natürlich nicht gleichzeitig. Aber er verbindet seine zwei Leidenschaften, dazu noch etwas Architekturkritik und Berliner Geschichte – fertig sind seine „Poetischen Polemiken“. Sein „Bike“ scharrt mit den Pedalen und drängt danach, ausgefahren zu werden, raus raus raus in das Berliner Betondickicht und dort die wenigen noch freien Orte der Stadt suchen.

Denn es gibt ihn ja, den freien Platz, meint Steinmeyer. Doch es werde wieder so getan, als seien wir ein Volk ohne Raum. Wir fahren vorbei an leerstehenden Gebäuden, Brachen und Parkplatzlandschaften. „Wenn ich durch die Stadt fahre, wenn man Berlin so körperlich erfährt wie beim Fahrradfahren, dann sieht man, dass durchaus Freiflächen da sind.“

Die „sogenannten Randbezirke“ befährt er am liebsten. Und wenn man bei dem Wort „Randbezirk“ das N streicht, dann ist es ja auch ganz schnell ein ??? – Aber so leicht ist das nicht mit der Sprache und der Realität. Jedenfalls ist Steinmeyer keiner von denen, die Berlin für eine Scheibe halten und meinen, man fiele über den Rand des S-Bahn-Rings.

Er zeigt mir das ehemalige Stadion und daneben das verlassene Freibad, das derzeit von Kröten besetzt gehalten wird. Eine Räumung haben sie noch nicht zu fürchten. BM Michael Grunst (Linke) würde hier am liebsten ein Kombi-Bad errichten, aber der Platz reicht wohl nicht. Er reicht nicht, aber er ist da. Wenn nicht für ein Kombi-Bad, dann doch vielleicht für das andere, wie hieß es doch gleich: bezahlbaren Wohnraum. Oder müssen wir erst #besetzen auf ein Gebäude schreiben? Auf keinen Fall dürfen wir zu lange verweilen, in den „Lost Places“, in den Leerständen – sonst kommt die Polizei und trägt uns nach Hause, dort, wo wir Miete zahlen. Also schnell weiter, die Fahrräder warten ohnehin auf uns. Meines schon etwas geschwächt, Steinmeyers fit wie ein Rennrad.

Warum nicht die Stadt erweitern um ein Stück? Warum alles nach Kreuzberg quetschen? Warum kein neuer Stadtteil, ökologisch errichtet? Berlin ist ja eine Stadt, die nie aufhört, auszufransen – schrieb Karl Scheffler in „Berlin. Ein Stadtschicksal“ (1910). Denn am liebsten, seien wir ehrlich, wollen wir diese innerstädtischen Freiflächen ja erhalten. Sie gehören zur Stadt.

„Berlin ist da am schönsten, wo es dich einfach in Ruhe lässt“, ruft mir Steinmeyer durch den Fahrtwind zu – weil er ja auch ein Dichter ist. Ein Fahrrad-Flaneur. Lichtenberg macht er gerne, sagt er. Wenn er hier fahre, sehe er immer, was alles geblieben ist. „In Kreuzberg hingegeben stelle ich beim Fahren fest, was alles nicht mehr da ist. Bars, Clubs, Häuserblocks. Weg. Und durch eintönige Betonbauten ersetzt.“

Günter Steinmeyer betreut die Z-Bar in der Bergstraße in Mitte. Am 25. Juni wird diese 25 Jahre alt. Es gibt also doch Bars in Berlin, die bleiben. 250 Veranstaltungen im Jahr machen sie dort. Kino, Lesungen, Kleinkunst, Impro-Theater. Der Fahrrad-Poet wohnt in Kreuzberg, in der Bergmannstraße, weiche angeblich eine Fahrradstraße sein soll. „Das funktioniert aber nicht. Autos fahren trotzdem und haben Vorrecht“, sagt der Sattel-Dichter.

Berlin sei keine fahrradfreundliche Stadt, nein. Sogar gefährlich. Als Radfahrender stünde man immer mit einem Bein im Sarg. „Einmal Autotür auf und zack, das wars.“ Keine guten Bedingungen für einen Fahrrad-Flaneur. Dabei könnte alles so schön sein, das Fahrrad habe zum Flanieren in der Stadt die perfekte Geschwindigkeit: Autos sind zu schnell, zu Fuß ist man zu langsam. „Der Radfahrer durchstößt die Stadt in gutem Tempo, nur er kann sie in seiner Gänze erfassen.“

Dies ist nicht nur poetisch gemeint: Es sind verschiedene Wahrnehmungen der täglichen Realität. Die prinzipielle Frage sei, meint Steinmeyer, ob sich Auto- und Radfahrende irgendwann vertragen werden – oder ob man sie trennen muss. Aber eigentlich sind es die stehenden Autos: „In Berlin gibt es Autos, die stehen 23 Stunden lang rum. Deswegen müssen andere Autos in zweiter Reihe parken.

In seinem Buch „Wo Hakenkäuzchen plärren“ geht es rund und quer durch Berlin. Beim Lesen erfährt man immer, wo man gerade ist. Aber es sind keine Stadtrundfahrten, keine Angst, denn sowas will Steinmeyer nicht. „Fahrrad-Flaneuren fällt es schwer, den Verlauf nachzuzeichnen“, sagt er. Eine Episode heißt: „Spandauer Tage, oder: Eine lange Fahrt gegen den Uhrzeigersinn.“ Doch: „Der Kompass spielt schier verrückt, in dieser Stadt, wo in jeder Himmelsrichtung Osten liegt.“ Dann kommen „Illustrationen“ in seinem Buch. Gemalt von einem Pferd mit dem Namen Norman Cassini. Dieses hat seinem Reiter Petrus Akkordeon schon bei einigen Illustrationsarbeiten geholfen.

„Wir lassen die Schlampe Kreuzberg zurück und tauchen ein in Tempelhof“, gehen die Berlin-Miniaturen von Steinmeyer weiter. Es ist ein anderer Blick auf die Stadt. Ein schneller, ein vorbeifahrender Blick. Rückblick: „Berlin war mir eine Hüpfburg dieser Tage. Aufgeblasen war die Stadt und wir sprangen wie die Kinder auf ihr herum.“ Dann sind wir in Wedding: „Glücklich glucksend gauckt sich die güllige Panke also vorbei an den vollen Villen…“

„Berlin ist eine Stadt, die nie ist, sondern immer nur wird, schrieb Karl Scheffler in „Berlin. Ein Stadtschicksal“, zitiert von Steinmeyer. Und man muss Berlin ertragen und mögen können. Eine liebende Mutter. „Sie nährt uns mit Geschichten, lässt uns abends länger spielen und ruft uns regelmäßig zur Besinnung.“

Günter Steinmeyer: Wo Hakenkäuzchen plärren. Poetische Polemiken. 80 Seiten mit Illustrationen. Edition Paradogs. 11.90 Euro. „Indigene Berlinerinnen und Berliner kennen übrigens 26 Wörter für Schnee“ erfahren wir im Buch. „Aber nur eine wohlwollende Zustimmung: dakannstenichtmeckern.“ Unbedingt lesen, nicht nur auf dem Fahrrad.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden. Einen Einblick in seine literarischen Bemühungen und vielleicht auch Termine für seine Lesungen finden sich auf Robert-Klages.de

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