Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 25.06.2018

in Berlin werden seit einigen Jahren Gebäude besetzt gehalten. Nein, es haben sich keine „Linksextremist*innen“ in leerstehenden Häusern breitgemacht. Es handelt sich um Immobilienextremist*innen, deren gutes Recht und angesehene Praxis es ist, Grund zu kaufen und erstmal leerstehen zu lassen. Der Preis steigt, an eine Räumung denkt niemand. Das scheint alles legal zu sein.

Raum ist eine Ware, die an Wert steigt, je länger man ihn liegen lässt, wie guter Wein. Im Gegensatz zu Wein gibt es in Berlin immer weniger freien Raum. Der Wert der wenigen Freiflächen und leerstehenden Objekten steigt umso schneller. Man kann es auch so sehen wie Bezirksbürger*innenmeister Michael Grunst (Linke): „Die Flächenknappheit zwingt die Investoren zu handeln.“ Er bezieht sich auf zwei Grundstücke in Hohenschönhausen, die seit langer Zeit besetzt gehalten werden, wie letzte Woche berichtet.

Allein auf dem Gelände des ehemaligen Busbahnhofs würden einige Wohnungen hinpassen. Aber das Gebiet ist im Privatbesitz. Da könne die Politik lediglich bei den Besitzer*innen „drücken, und sonst nichts machen“, so Grunst. 2019 sollen hier jedoch Büros und Wohnungen entstehen, kündigte er an. Heureka. Bleibt weiterhin zu beobachten, was dort geschieht. Wie wenig die Worte der Politik Entscheidungen von Investor*innen beeinflussen können, habe ich zwei Jahre lang an einem Beispiel in Friedrichshain beobachten können.

Die Sprache der Worte hatte in Friedrichshain kaum eine Chance. Die Sprache der Zahlen hätte angewendet werden müssen, doch nun ist es zu spät. Die Musiker*innen, die in dem Gebäude geprobt hatten, wurden rausgeworfen, vor zwei Jahren, seitdem steht das Haus leer. Die Künstler*innen fragen sich, ob es gut war, so einfach das Feld zu räumen. Nun ist es zu spät. Noch in diesem Jahr soll dort ein Bürokomplex entstehen. An die Proberäume im ehemaligen DDR-Postgebäude wird sich niemand mehr erinnern. In Friedrichshain passiert, was Lichtenberg vermutlich noch bevorsteht.

In Lichtenberg, da wird geprobt. Überall im Bezirk befinden sich riesige Probeareale. Anlässlich der Fête de la Musique hab ich darüber geschrieben. Die Berliner Zeitung hat einen ähnlichen Artikel publiziert, da geht es um weitere Areale an der Bezirksgrenze zu Marzahn. Der RBB berichtet zudem über den Proberaummangel in Potsdam, wo die Situation ähnlich ist.

Wie lange wird in Lichtenberg noch geprobt? Allein im Rockhaus in der Buchberger Straße üben derzeit über 1000 Musiker*innen. Der Vertrag läuft noch bis 2023. Und dann? Es sieht nicht danach aus, als sei der Eigentümer daran interessiert, die Musiker*innen noch länger im Haus zu haben. Dann steht das Gebäude bestimmt erstmal eine Weile leer und reift an Wert. Bis dann ein Bürohaus daraus wird und 1000 Musiker*innen keine Musik mehr machen werden. Neue Proberäume zu finden ist in Berlin sehr schwer.

Neben der Sprache der Worte und der Zahlen gibt es noch die Sprache der Körper. Angewandt vor einiger Zeit von einigen Individuen, gemeinhin als „Besetzer*innen“ bezeichnet. Denn an der Sprache der Zahlen kann nicht unbedingt jede*r teilnehmen und die Sprache der Worte hat ebenfalls gewisse Grenzen. Der Wert der Worte hängt oftmals davon ab, welche Person in welcher Position diese äußert. Die Individuen setzten ihre Körper ein und besetzten damit leerstehende Gebäude, was einen riesen Rummel bewirkte. Legal war das nicht. Sprache wurde auch verwendet, allerdings wurde diese nur wenig wiedergegeben. Ich hab mich dem Hausbesetzer*innenkollektiv unterhalten – siehe Rubrik „Nachbarschaft“.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden.

Anzeige