Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 09.07.2018

vor einiger Zeit hat mich die Caritas gefragt, ob ich eine Informationsveranstaltung zum Thema Vormundschaft für minderjährige Geflüchtete in die Termine aufnehmen könne. Habe ich gemacht. Ich fragte die Caritas-Ansprechpartnerin auch, ob sie nicht eine Person aus Lichtenberg kennen würde, die eine Vormundschaft übernommen hat. Daraufhin meldete sich jemand bei mir. Die Geschichte von der Frau und ihrem Mündel „Hesmat“ findet ihr in der Rubrik „Nachbarschaft“. Die Namen im Text sind frei erfunden. Ich bin der Frau sehr dankbar, dass sie mir ihre Geschichte erzählt hat. Infos zu Vormundschaften gibt es in der Rubrik „Namen und Neues“.

Ich habe lange überlegt, ob ich die Geschichte überhaupt hier veröffentlichen soll, da sich die Person und ihr Mündel nicht mit mir treffen wollten. Doch ich kann das verstehen. Stattdessen haben wir telefoniert. Nur mit dem Mündel selbst habe ich nicht gesprochen. „Hesmat“ habe schlechte Erfahrungen mit „der Presse“ gemacht und findet die Berichterstattung über Geflüchtete in Deutschland verletzend und falsch, sagte mir seine Vormundin. Auch das kann ich nachvollziehen, obwohl ich nicht weiß, welche Medien der junge Mann so konsumiert. Vermutlich hat er jedoch leider nicht Unrecht:

„Die deutsche Medienlandschaft stellt Nicht-Deutsche auffällig und überproportional oft als Straftäter*innen dar.“ Das ist das Ergebnis einer Studie der Medienfachhochschule Macromedia Berlin. Die Taz hat über die Studie berichtet: „Die faktisch wachsende Gewalt gegenüber Migrant*innen und Asylsuchenden wird hingegen zu wenig thematisiert. Auffällig war auch, wie selten die Geflüchteten in den Beiträgen als Gesprächspartner*innen zu Wort kommen.“

Stimmungsmache mit Zahlen: In einem Welt-Artikel heißt es, dass in Berlin mehr Asylbewerber*innen als in ganz Griechenland leben würden. Für den „Welt“-Autor beweist das: „Die Aussage, dass Deutschland aktuell oder in der Vergangenheit, die Last der Migration den Küstenstaaten aufgehalst habe, ist schlicht falsch.“ Der Autor verwendet die Zahlen des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR, und diese scheinen auch zu stimmen: 1,41 Millionen Schutzberechtigte und Asylbewerber in Deutschland gegenüber 83.000 in Griechenland. Stand Ende 2017.

Jedoch wird mit keinem Wort erwähnt, dass Deutschland mehr Einwohner*innen hat als die anderen Länder. Und abgesehen davon, dass man nicht genau sagen kann, wie viele Asylsuchende in Mittelmeer-Küstenländern wie Griechenland oder Italien wirklich leben, gibt es für die Umverteilung beispielsweise einen klaren Schlüssel, und hier spielt das Bruttoinlandsprodukt eines Landes eine große Rolle:

  • Bevölkerungszahl (40 Prozent)
  • BIP (40 Prozent)
  • Durchschnittliche Zahl der bisherigen Asyanträge (10 Prozent)
  • Arbeitslosenquote (10 Prozent)

Auch auf dem „WelcomeCamp“ war die Berichterstattung über Geflüchtete ein großes Thema. Ich nehme jedes Jahr teil und kann es wirklich sehr empfehlen. Der Diplompolizist und „Social Media Junkie“ Günther Klages (nicht mit mir verwandt oder verschwägert) hat über Asylrechte informiert und im Anschluss einige „Bild“-Artikel gezeigt, die seiner Meinung nach schlichtweg Stimmungsmache gegen Geflüchtete und Ausländer darstellen. Titel wie „Islamismus-Alarm an Deutschen Grundschulen“ beispielsweise. Die Präsentation von Klages könnt ihr hier herunterladen.

Angesprochen auf den „Welt“-Artikel sagte er mir, hier werde mit Zahlen jongliert: „Der Vergleich Berlin – Griechenland hinkt, denn die Zahlen betreffen unterschiedliche Personengruppen: einmal Schutzsuchende nach Definition der UNHCR, und für Berlin nimmt der Welt-Autor dann so viele Gruppen hinein, bis die Zahl höher ist, also auch Personen mit abgeschlossenen Verfahren mit Duldung etc.“

In den Diskussionsrunden auf dem WelcomeCamp hieß es einige Male, Geflüchtete, Ausländer und Asylsuchende würden im Allgemeinen in den Medien und in täglichen Gesprächen immer als Problem dargestellt, als eine Masse, die man nicht haben wolle und nun zu überlegen sei, wie man diese am besten versteckt, umverteilt, abschiebt oder zurückschickt. Ein Blick in den erwähnten Artikel der „Welt“ zeigt dieses negative Wording: „Die Last der Migration den Küstenstaaten aufgehalst“.

„Aufgehalst“, „Last“ – wir reden hier von Menschen! Und wenn ihr euch das nicht von mir erzählen lassen wollt, dann hört Georg Diez zu, der beschreibt es in seiner neuen „Spiegel“-Kolumne so ähnlich – und zitiert Golda Meir: „Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind?“

Wenn wir Geflüchtete als Problem beschreiben, werden sich diese auch als Problem fühlen – und sich eventuell so verhalten. Schnell kann eine Antihaltung erzeugt werden, wenn man ständig hört, dass man ein Problem sei. Wenn wir sie als „Last“ beschreiben, werden sie sich als solche fühlen und eine solche werden.

Willkommenskultur sieht anders aus. Nie heißt es: „Erneut haben es über 100 Menschen geschafft, aus dem Krieg nach Deutschland zu gelangen. Horst Seehofer (CSU) freut sich, dass erneut Menschen vor dem Tod gerettet werden konnten. Der Innenminister begrüßte die Neuankömmlinge mit einer persönlichen Umarmung.“ Davon sind wir weit entfernt, wenn derzeit sogar die Seenotrettung als Straftat betrachtet wird.

„Hesmat“ wird das hier ja vielleicht lesen. Ich wünsche dir alles Gute in Deutschland. Ich hoffe, du findest in Lichtenberg ein Zuhause und wirst irgendwann nicht mehr als Problem, sondern als Mensch, als Mitbürger, als Freund beschrieben werden. Denn genau das bist du, wenn du es sein möchtest.

Ich schäme mich für den Rassismus, der in Deutschland, Europa und der Welt herrscht. Aber ich weiß, dass es sehr vielen Leuten genau so geht, und das stimmt mich zuversichtlich. Du hast jedes Recht, dich über „die Presse“ aufzuregen, das tue ich auch. Ebenso gut regen sich Leute über meine Artikel auf. Hinter jedem Artikel steckt ein Mensch. Es gibt nicht „die Presse“, sondern nur Autor*innen und verschiedene Medien. Und diese täten vielleicht gut daran, gelegentlich über ihre Sprache nachzudenken. Ich danke „Hesmat“, dass er mich dazu gebracht hat, dies einmal zu tun.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden.

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