Intro

von Paul Lufter

Veröffentlicht am 20.08.2018

wieder ist ein brauner Mob mit seinen schwarz-weiß-roten Flaggen durch unseren Bezirk gezogen. Wieder gab es hetzerische Reden und hohle Parolen. Der Anlass: der Todestag von Rudolf Heß, der als Stellvertreter Hitlers Mitschuld an einem der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte trug.

„Mich ärgert die Entscheidung der Versammlungsbehörde die Demo durch die halbe Stadt dann in Lichtenberg abzuladen. Danke an alle, die dagegen friedlich protestiert haben“, so machte Bezirksbürger*innenmeister Michael Grunst (Die Linke) auf Twitter seinem Ärger Luft. Viele Lichtenberger Politiker*innen, darunter auch Grunst, waren am Samstag auf der Straße, um gegen die Nazis zu demonstrieren. Jene trugen stolz Transparente mit der Aufschrift „Ich bereue nichts“. Oh, diese Ironie. Man könnte fast lachen. Am Ende bleiben bei der Beobachtung dieses Feldzuges gegen den gesunden Menschenverstand jedoch nur Ungläubigkeit und Wut zurück.

In weißen Hemden und schwarzen Hosen – eine Anlehnung an den Dresscode der Nazischlägertruppe SA – zogen die ca. 700 Neonazis vom Platz der Vereinten Nationen bis nach Lichtenberg, begleitet von 2300 Beamt*innen der Polizei, wie Kollege Frank Jensen berichtete. Anders als noch 2017 in Spandau gelang es den Gegendemonstrant*innen nicht, den Marsch zu blockieren. Dabei hatten sich mit 1400 Personen genug eingefunden, jedoch in Spandau und nicht in Friedrichshain und Lichtenberg.

Die Veranstalter des Aufmarschs hatten zwei Routen angemeldet, eine in Spandau und eine vom Platz der Vereinten Nationen zum Bahnhof Lichtenberg. Erstere wurde am Samstagmorgen abgesagt. Dort dominierten anschließend die friedlichen Gegendemonstranten. Anscheinend war das Vorgehen von den Veranstalter*innen geplant, um sich so der Gegendemonstranten zu entledigen. Etwa die Hälfte folgte den Nazis jedoch nach Friedrichshain. Angemeldet hatte die Route übrigens Sebastian Schmidtke, Ex-Chef der Berliner NPD.

Schwere Auseinandersetzungen blieben zwar aus, die Polizei leitete jedoch 45 Ermittlungsverfahren ein, u. a. Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landfriedensbruch und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Sechs Beamte wurden bei dem Einsatz verletzt, wie es in einer Polizeimeldung vom Sonntag heißt.

Über die Ereignisse des vergangenen Wochenendes wird noch zu sprechen sein, in der nächsten Ausgabe, versprochen. Und bis dahin möchte ich noch eins klarstellen: Was wir am vergangenen Wochenende in unserem Bezirk gesehen haben, das ist nicht Lichtenberg. Lichtenberg ist ein bunter und weltoffener Bezirk. Um es mit dem Bezirksbürger*innenmeister Grunst zu halten, wir sind kein Abladeplatz für Nazis. Braunes Gedankengut kann bei uns, wie in jedem anderen Bezirk und in jeder anderen Stadt, gerne draußen bleiben.

Paul Lufter ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel und hat den Großteil seines Lebens in Hohenschönhausen und Lichtenberg verbracht. Fragen, Anregungen, konstruktive Kritik, Wünsche und Tipps bitte an Paul.Lufter@tagesspiegel.de. Ansonsten finden Sie ihn auch auf Twitter.

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