Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 07.01.2019

seid ihr alle „gut reingerutscht“? Ich war unter anderem auf einer Party in Lichtenberg unterwegs, da wurde laut Slime abgespielt. Aus Gründen, denn: Punk is dead in television. Ein ZDF-Mitarbeiter hat einen Slime-Pulli getragen und wurde damit eingeblendet. Skandal. „ZDF bedauert Fanshirt einer Punkband in Nachrichtensendung“ liest man danach als Headline. 

Die vergessene Band. Zuletzt gehört, da trug ich einen Diskman am Hosenbund. Lieder von Slime haben wir beim Gitarrenunterricht geübt. Habe nun erst erfahren, dass die „Hass-Musiker auf Kinder und Jugendliche verrohend wirken“ (Verfassungschutz).

An Silvester wurde über Spotify und Google Home abgespielt. Diese Firmen scheinen kein Problem mit der Punkband zu haben. Auch das 80er Lied „Bullenschweine“ spielt Google über Spotify ohne zögern. „Haut ihnen ins Gesicht, bis dass der Schädel bricht“, heißt es dort. Sofort ausgestellt natürlich. „Das darfst du nie wieder spielen“, habe ich versucht, Google zu erziehen. Das gehörte auch nicht zu den Liedern beim Gitarrenunterricht.

„Dies ist ein Aufruf zur Gewalt“ sagte der Verfassungschutz und genau so heißt es auch im Liedtext wörtlich. Gitarrist Michael „Elf“ Mayer schrieb das mit 16, nachdem er grundlos verhaftet worden sei. Davon distanzieren möchte er sich später nicht, aber es müsse im Kontext der Zeit betrachtet werden. („Ok Google, spiel das Lied im Kontext der Zeit“ – funktioniert nicht.) Die ganze Geschichte des Songs hier lesen. Ob die Polizist*innen, die ihn scheinbar grundlos verhaftet hatten, dazu befragt wurden oder der Fall diskutiert wurde … steht da nicht. Hat hier Gewalt Gegengewalt erzeugt? Auf jedem Fall ist Gewalt nicht schön und keine Lösung, liebe Kinder. Und es gibt so nette Polizist*innen … wie den hier z. B.: last but not least im Text. 

Aus einem Songtext: „Mir wär‘ es lieber / Unsere Lieder wär’n nicht mehr aktuell/ Und niemand würde sie noch singen/ Sie wären nur ein Zeugnis einer längst vergessenen Welt“. Hier anhören. Manche Slime-Lieder sind brandaktuell. Beispielsweise der Song „Sie wollen wieder schießen (dürfen)“ von vor zwei Jahren: „Das ist das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt/ Aber nur so lang‘ man jeden Eindringling erschießt/ Die Menschen an den Grenzen sind die Geister, die wir riefen/ Und das weiß doch jedes Kind: Geister kann man nicht erschießen!“

Kurz vor Jahreswechsel plädierte AfD-Politiker Torsten Seitz für die Todesstrafe als Abschreckung bei illegaler Einreise. Der Kameruner Alassa Mfouapon war nach seiner Abschiebung aus Ellwangen wieder nach Deutschland eingereist. Eher sollte man mal über eine Todesstrafe bei Rassismus nachdenken … und auch dann nicht. Eine typische AfD-Nummer: einer sagt was Krasses, die Partei distanziert sich, aber gesagt hat er es trotzdem und nun ist es da. Und irgendwo da draußen denken sich einige: Ach, Recht hat der doch!

Aber öffentlich ist die Empörung über die AfD groß: nein, Todesstrafe, wo kommen wir denn da hin, geht ja gar nicht. Gleichzeitig sind viele Leute für Abschiebungen in Kriegsländer, für Abschiebungen von Menschen, die in ihren Herkunftsländern verfolgt werden und denen dort möglicherweise der Tod droht.

Man könnte sie also auch gleich hier in Deutschland erschießen, anstatt sie zurückzuschicken. Aber nein, Deutschland macht das nicht, Deutschland ist ein feines Land. Würde ja jeder sehen, wenn wir die Geflüchteten hier umbringen würden.

Ich finde es auch weiterhin bemerkenswert, dass sich die Geflüchteten in Ellwangen gegen die Abschiebung eines Geflüchteten gewehrt haben – sie beteuern immer wieder, dies gewaltfrei getan zu haben. Es könnte auch mal der Polizeieinsatz untersucht werden, ob der verhältnismäßig war. Aber das scheint keinen mehr zu interessieren, es steht Aussage gegen Aussage. Aber fast nur die eine Seite wird angehört. Mfouapon hat eine Klage gegen den Polizeieinsatz eingebracht… interessiert anscheinend auch kaum jemanden.

„Wir werden nicht als Revolutionäre geboren, wir entwickeln uns zu Revolutionären“, sagt er. Ich empfehle, das hier mal zu lesen. Mfouapon ist auch einer der Initiatoren der „Flüchtlingsselbsthilfe Jetzt reden wir!“ Der „Freundeskreis Alassa“ hat eine Petition gestartet, die u. a. Jean Ziegler, Mitglied im beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrates, unterzeichnet hat. Die Bild-Zeitung sieht nur die eine Seite, nämlich einen „unfassbaren“ Asylskandal – kommentiert Leo Fischer für „Neues Deutschland“: „Wenn man Geflüchteten nicht gleich das Leben verleidet, so doch jegliche Aktivität, die nicht ins Bild unterwürfiger Bittsteller passt: Sie dürfen nicht betrunken sein, sie dürfen nicht politisch sein, sie dürfen ihre Rechte nicht nutzen und schon gar nicht überdehnen.“

„2019, bleibt alles scheiße“, twitterte die Lichtenberger Band Kafvka. (und bezieht sich damit auf ein Lied) Und zu denen kommen wir nun in der Rubrik „Nachbarschaft“. In den Polizeimeldungen müssen wir leider von Rassismus-Angriffen in Lichtenberg lesen. Außerdem müssen wir über Grünen-Fraktionsvorsitzende Antje Kapek reden, die Böllern innerhalb des S-Bahnrings verbieten möchte – sollen die Fhainer dann alle nach Lichtenberg kommen?

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden.

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