Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 04.02.2019

was, die sprechen zu Hause kein Deutsch, sondern ihre Heimatsprache?? Ruft die Polizei, die gehören abgeschoben, das SEK soll die Wohnung stürmen! Haben die denn gar keinen Anstand? Was würde Goethe dazu sagen? Ich hab es durch die Wand genau gehört! Ich versuche hier in Ruhe einen Newsletter zu schreiben, Kruzitürken!

Wollen die sich denn gar nicht integrieren??? Ich also rüber, sturmgeklingelt, dann mit der Faust gegen die Tür … bis mein Nachbar die Tür aufmacht. „Wollen Sie sich denn gar nicht integrieren? Was fällt Ihnen ein, Türkisch zu sprechen, wie nur sollen Ihre Kinder in der Schule…“

„Herr Klages, wenn Kinder ihre erste Sprache bei der Wissenserschließung zurückstellen müssen, bevor sie in der zweiten Sprache ausreichende Fertigkeiten ausgebildet haben, werden sie in ihrer Entwicklung gehemmt“, entgegnet mir mein fiktiver Nachbar. „Kennen Sie nicht das Kieler Modell von Ernst Apeltauer? Ich dachte, Sie hätten studiert.“ Hier mehr dazu lesen auf dem Seiten des Goethe-Instituts.

Erstsprachen sollen gefördert werden: In einem gemeinsamen Antrag haben die Fraktionen Die Linke und SPD das Bezirksamt ersucht, sich für unterrichtsergänzende Angebote zur Förderung der Familiensprachen von Kindern und Jugendlichen an Lichtenberger Schulen einzusetzen. Der Antrag wurde mehrheitlich angenommen, AfD und CDU stimmten dagegen.

Es soll sich hierbei um ein Zusatzangebot außerhalb des Lehrplanes handelt, welches von Vereinen, Initiativen, Verbänden und Gruppen zur Verfügung gestellt wird, die auch über die personellen Ressourcen für entsprechende Angebote in Schulen verfügen. Ziel ist es die familiensprachlichen Kompetenzen der Schüler*innen aufzugreifen und sie in den Bereichen der sprachlichen Korrektheit, des Lesens und des Schreibens vertiefend zu fördern.

Die wissenschaftliche Begründung dieses Konzepts ist, dass die Familiensprache den Nährboden für die kognitive Entwicklung des Kindes bildet. Über die Muttersprache wird dem Kind nicht nur sprachspezifisches Wissen vermittelt (Wortschatz, Grammatik etc.), über sie taucht das Kind auch in die umgebende emotionale und kulturelle Welt ein, über sie erschließt es sich sein erstes Weltwissen. Die genannten Maßnahmen sollen somit die Qualität und Nachhaltigkeit des Familiensprachenerwerbs unterstützen und zugleich der Entstehung von Semilingualität entgegenwirken.

Aber klar, manche sind wieder neidisch. Wo kommen wir denn da hin, wenn ein Mensch zwei Sprachen sprechen würde und das auch noch fließend? Pro Mensch bitte nur eine Sprache, jede*r hat ja auch nur eine Zunge!

Der Senat hat bereits beschlossen, die Mehrsprachigkeit an Schulen zu fördern. „Die Berliner Schule wird internationaler“, schrieb Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), hier nachzulesen. 

„Bilingualität bedeutet eine erhöhte Multitaskingfähigkeit“, schreibt Mely Kiyak in einer ihrer wunderbaren Kolumnen für das Gorki-Theater. „Mehrsprachler sind fitter im Gehirn. Es gibt dazu Studien ohne Ende. Sie belegen alle, dass Mehrsprachler gegenüber Monolingualen in vielen Dingen überlegen sind. Sogar von einem geringeren Alzheimer-Risiko ist die Rede.“

Monolingual geht es weiter mit einem, der auch mal Theater gemacht hat: Heiner Müller. Anschließend begeben wir uns an den Rummelsburger See. Und am Ende lassen wir die Schüler*innen eines Gymnasiums zu Wort kommen, die über die ungebetene Präsenz von AfD-Politikern beim Holocaust-Gedenken nicht erfreut waren.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf Facebook, Twitter und Instagram zu finden.

 

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