Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 12.08.2019

Müll, Lautstärke, Urin und auch Belästigung. Die Beschwerden über die Obdachlosen, die sich ein stattliches Lager am U- und S-Bahnhof Lichtenberg eingerichtet haben, sind zahlreich. Ein aufgebrachter Bürger hat wohl sogar Briefe an den Bundespräsidenten und den Bundestagspräsident geschrieben.

Eigentlich sind es ja die Obdachlosen, denen es schlecht geht, die kein Zuhause haben – oder nur das, was sie selbst dazu erklären. Manche Menschen scheinen jedoch mehr unter der Obdachlosigkeit zu leiden als die Obdachlosen selbst. „Was sagt man eigentlich einem Kind, warum diese Leute dort campen (müssen)?“, fragt jemand in der Kommentarspalte unter meinem Artikel. Klar, das ist eine pädagogische Aufgabe, aber wohl zu lösen. In Berlin werden Kinder immer auch mit Obdachlosigkeit konfrontiert werden.

Versucht doch mal was Krasses: Sprecht mit den Obdachlosen. Sozialarbeiter Jörg Richert meint: Das Bild von Obdachlosigkeit müsse neu gedacht werden, ebenso das von Sozialarbeit: Obdachlose würden nicht gerne nichts tun, sondern sich freuen, wenn sie etwas machen könnten. Und soziale Arbeit sei mehr als nur Wasser vorbeibringen und aufpassen – sondern Hilfe zur Selbsthilfe in die Selbstverwaltung. Richert ist wöchentlich vor Ort und kennt die Obdachlosen in Lichtenberg sehr gut, auch die von der Rummelsburger Bucht.

Einfach mal grüßen, hallo sagen, auch mal fragen, wie es so geht. Meiner Erfahrung nach gibt man den Obdachlosen etwas viel Wichtigeres als Geld: Aufmerksamkeit. Sie wollen Geld nur, weil sie keine Aufmerksamkeit bekommen. Geld ist ein Surrogat. Allerdings scheinen viele vorbeigehende Leute lieber einen Euro hinzuwerfen als freundlich zu lächeln und hallo zu sagen. Obdachlose wollen gesehen werden, gesehen als Menschen. Sie wollen sich auch nicht wegschaffen lassen, sondern in die Gesellschaft integriert werden. Aufmerksamkeit und Anerkennung sind Grundbedürfnisse. Wenn die entzogen werden, entstehen Frust und Aggression.

Letzte Woche schrieb mir jemand, er sei dort von einer Obdachlosen belästigt worden. Nach mehrmaligem Nachfragen stellte sich heraus, dass er die Frau bei der Intimwäsche „beobachten musste“ … oder hat er sie beobachtet und belästigt? Klar ist, dass das alles unzumutbare Zustände sind, das kein Mensch so leben sollte.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden.

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