Intro
von Robert Klages
Veröffentlicht am 23.09.2019
im Tagesspiegel-Potcast „5 Minuten Berlin“ erzählt Maria Richter vom Humanistischen Verband Deutschland von ihrer Arbeit mit Obdachlosen am S-Bahnhof Lichtenberg – und was man „als Einzelner“ tun könne. Hier nochmal der aktuelle Stand der Dinge vor Ort.
„Ich finde es wichtig, Blickkontakt zu haben“, sagt Richter. „Das sind genau so Menschen wie andere.“ Die Person wahrnehmen, nicht wie eine lästige Fliege wegscheuchen, beschimpfen oder ignorieren. Ein kurzes „Hey, nein danke, ich möchte Ihnen kein Geld geben, aber ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“ ist vielleicht das Mindeste.
„Ich habe grad kein Kleingeld bei mir, tut mir leid“, ist hingegen eine Aussage, das glaubt einem doch eh keine*r. Besonders, wenn man nicht mal die Geldbörse rausholt und nachsieht. Dieser Satz ist wohl eher zu einem freundlichen „Verpiss dich (bitte)“ geworden. Viele ignorieren die bettelnden Personen einfach. Ja, habe ich auch sehr oft gemacht. Aber wir sollten mal versuchen, wenigstens freundlich zu sein. Ich schrieb schonmal: Geld ist nur ein Surrogat für Aufmerksamkeit, Obdachlose wollen gesehen werden.
Warum nicht mal unterhalten? Klar, uns fehlt dafür die Zeit, aber eigentlich haben wir in der U-Bahn gerade nichts zu tun. Wir müssen Obdachlosen nicht mit Geld oder Sachgegenständen helfen. Das ist sicherlich gut, aber ich denke, sie freuen sich auch, wenn wir sie ernst nehmen und mal mit ihnen reden – sie werden dafür unglaublich dankbar sein und glücklich.
Das kostet halt mehr Zeit als einfach Geld hinzuwerfen, könnte aber dazu führen, dass sich die Angesprochenen wohler fühlen, beachtet und respektiert. Und das ist der erste Schritt für sie zurück in gesellschaftliche Strukturen.
Viele von ihnen haben äußerst interessante Lebensgeschichten. Es lohnt sich, da mal zuzuhören, auch wenn es lange dauert. Es sind oftmals traurige Geschichten, natürlich. Häusliche Gewalt spielt oft eine Rolle, einige Obdachlose wollen nicht gefunden werden. Manchmal fragt man sich, ob stimmt, was sie erzählen. Dazu 1.: Ja, das ist so krass, wie sie es erzählen, die Leute haben viel durchgemacht. Und sowieso spielt Ehrlichkeit für das Leben auf der Straße eine wichtige Rolle. Lügen werden mitunter von den Platten-Genossen geächtet und bestraft. Ich glaube, die meisten Obdachlosen sind aufrichtiger als so manche Politiker*innen.
Aber, 2.: Ich denke auch, sie haben das Recht darauf, ihre Geschichten neu zu erzählen, sich selbst neu zu erfinden. Sie haben Künstler*innennamen wie „Dose“, „Ananas“, „Ratte“. Ihre bürgerlichen Existenzen haben sie abgelegt und wollen sie vergessen, Erinnerung bedeutet Schmerz. Um sich selbst wieder ein Leben in geordneten Verhältnissen zu geben, ist es vielleicht wichtig, sich selbst eine neue Geschichte zu geben, die eigene Vergangenheit zu erfinden – zumindest eine Zeitlang. Wenn andere (oder auch du selbst) dein Leben vollkommen zerstört haben (hast), ist es nicht deine Pflicht, dieses Leben bis zum Ende weiterzuleben.
Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf Facebook, Twitter und Instagram zu finden.