Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 03.05.2021

was war die größte Menschenansammlung, die ihr in eurem Leben je erlebt habt? Wir leben ja nun, während der Corona-Pandemie, schon länger in Kleinstgruppen oder gar alleine, können nachmittags allerhöchstens mal eine Person treffen oder verweilen mit der Familie. Festivals, Konzerte, Fußballspiele mit Publikum sind ausgeschlossen und es wird auch wohl leider noch eine Weile dauern, bis so etwas wieder möglich ist.

Bei mir war es das „Haltestelle Woodstock“-Rockfestival in Polen Nummer 17 im August des Jahres 2011. Es sollen offiziell rund 750.000 Menschen dort gewesen sein in Küstrin an der deutsch-polnischen Grenze. Ich vermute aber, es waren viel mehr. Einlasskontrollen, Tickets, Barrieren und so etwas gab es nicht. Umsonst und Draußen. Als wir am Freitagabend ankamen, fanden wir keinen Platz für unsere Zelte, die wir dann auch bis zum Ende des Festivals am Sonntag unaufgebaut ließen und auf Bänken, Bühnen, um Bäume gewickelt, in anderen Zelten oder davor schliefen, die Nächte waren kurz.

Gefühlt gab es fünf Dixiklos auf dem Festivalgelände. Natürlich waren es mehr, aber man fand nie eins, die Leute schissen teilweise vor die Bühnen. Zum Einkaufen wurde eine Lidl-Filiale errichtet. Offiziell, das las ich erst im Nachhinein, sollte es sich um ein alkoholfreies Festival handeln. Es war allerdings de facto ein riesiges Besäufnis. Allerhöchstens die Hare-Krishna-Bande feierte ohne Alkohol und verteilte tanzend und rasselnd veganes Essen. Ansonsten gab es Pizza mit Ketchup und Mayonnaise drauf (No, thank you!!).

Ich weiß nicht genau, ob wir überhaupt schon Handys hatten oder diese nicht zu gebrauchen waren, weil es auf dem Festival keinen Empfang gab. Geschätzt 14 Stunden fand ich meine Gruppe nicht wieder und stolperte über das waldige Gelände, trank hier und dort mit anderen Leuten und sah schließlich The Prodigy, die H-Blockx, Gentleman und Dog Eat Dog. John Fairs, der Manager von Prodigy, schrieb später, es sei das unsicherste Festival in seiner 25-jährigen Karriere gewesen. Das Prodigy-Konzert war das einzige in der Festivalgeschichte, für das Barrieren aufgestellt wurden. Dies widersprach ansonsten der Philosophie der Veranstaltung.

Als wir am Sonntag auf dem Bahnhof im kleinen Küstrin standen, hatte ich Angst. Es drängten sich immer und immer mehr Menschen auf den winzigen Bahnsteig und warteten auf die Bahn nach Berlin, die nur alle zwei Stunden fuhr. Teilweise drohten Leute auf die Gleise zu fallen. Da aber eh kein Zug kam, wurde sich auf diese gesetzt und dort weitergetrunken. Wir beschlossen dann allerdings, nach Berlin zu trampen. Das Festival gibt es noch, es wurde umbenannt in „Pol’and’Rock Festival“. Ich würde mich freuen, einfach mal wieder mit einigen Leuten an der Spree zu sitzen. Ohne Virus.