Intro

von Masha Slawinski

Veröffentlicht am 26.07.2021

„Na, du Süße“, rief mir neulich ein älterer Mann am S-Bahnhof Lichtenberg entgegen und untermalte seine Aussage mit Kussgeräuschen. Das war sehr unangenehm. Und leider passierte so etwas nicht zum ersten Mal. Ich werde öfter am Lichtenberger Bahnhof angesprochen. Manchmal sind es harmlose Bemerkungen. Aber übergriffige Kommentare überwiegen. Vergangene Woche rief mir vom Skatepark aus jemand zu: „Nimmst du mich mit nach Hause?“.

Den größten Schreck bekam ich, als mich mal ein Mann auf dem Weg zur S-Bahn ansprach. Da ich Kopfhörer in den Ohren hatte, sagte ich einfach „Sorry, kann nicht“. Ich fuhr die Rolltreppe nach oben (immer noch mit Musik in den Ohren) und wartete einige Minuten auf meine Bahn. Plötzlich tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und da stand wieder der Mann vom Eingang: „Hast du Zeit?“, fragte er. In dem Moment öffneten sich zum Glück die Türen der eingefahrenen S-Bahn und ich konnte einsteigen. „Lass mich in Ruhe“, sagte ich und sprang in den Zug. Der Mann blieb zurück.

Nicht jeder, der in seiner Freizeit am Bahnhof abhängt, verhält sich übergriffig. Und manchmal gibt es eben keine günstigere Alternative, als dort mit seinen Freund*innen zu trinken: Aber leider führt es regelmäßig zu Streitereien und blöden Sprüchen. Diese Probleme gibt es nicht nur am Bahnhof. Aggressives Verhalten, Drogenexzesse und sexuelle Übergriffe ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten.

Aber in Bahnhofsvierteln werden die Missstände besonders sichtbar. Irgendwie finde ich die Sichtbarkeit gut. Nur weil man Probleme nicht vor der eigenen Haustür sehen kann, sind sie trotzdem da. Ein Freund, der nah am Bahnhof wohnt, meinte neulich, dass er gerne dort lebe. Dort ist eben die Realität – im Gegensatz zum behüteten Prenzlauer Berg, wo man für zwei Euro eine Kugel Bio-Eis kaufen könne.

Bis vor ein paar Jahren hätten in seinem Hausflur sogar Menschen ihre Bleche geraucht. Seine Freundin fragte ihn, ob er seinen Kindern später nicht erklären wolle, was die Leute da machen. „Doch“, antwortete er. Nur so würden sie lernen, dass mehr als nur die eigene Lebensrealität existiert.

Das war ziemlich viel Realität in einem Newsletter-Intro. Gleich wird es, zumindest teilweise, ein wenig heiterer. Unter anderem geht es um Frösche und Tauben und wenn sie wollen, erwartet Sie unter „Namen & Neues“ sogar eine kleine Überraschung. Viel Vergnügen!

 

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