Kiezkamera

Veröffentlicht am 07.05.2018 von Paul Lufter

Wir sind wütend. Diese Woche treffen wir uns bereits zum zweiten Mal zu einer Mahnwache, um getöteter Fußgänger*innen zu gedenken“ so Stefan Gamelien von Changing Cities. Der Verein hatte am vergangenen Freitag zusammen mit der FUSS e.V. um 17 Uhr zu einer Mahnwache an der Unfallstelle an der Weitlingstraße 9 aufgerufen, an der am 24. April ein 79-jähriger beim Überqueren der Straße so schwer verletzt wurde, dass er jetzt seinen Verletzungen erlag. Erst kurz zuvor war am 18. April eine Fußgängerin bei Überqueren einer grünen Ampel in Karow von einem Autofahrer überfahren worden. Die Frau verstarb noch am selben Tag.

Eine ähnliche Geschichte erzählt mir eine Passantin am Rande der Mahnwache. Als sie erfährt, worum es geht, setzt sie sofort an: „Neulich in Prenzlauer Berg, eine ganz ähnliche Geschichte. Ich bin bei grün fast von einem überfahren worden. Der hatte rot und hat nicht angehalten. Unding sowas!“. Sie bleibt schließlich für einige Zeit bei uns. „Das ist eine gute Sache. Da muss man was machen.“ Das muss man auf jeden Fall. Changing Cities kommt mit den Mahnwachen kaum hinterher, wie mir ein Teilnehmer erzählt. Es ist nicht die erste Mahnwache, die er besucht, sagt er und fügt bitter hinzu: „Und wahrscheinlich ist es auch nicht die letzte.“ Traurig aber wahr, immerhin starben 2018 im Berliner Straßenverkehr bereits 8 Fußgänger*innen und 3 Radfahrer*innen.

Die Mahnwache ist als Demo angemeldet. Die Polizei sperrt die Straße, damit die Teilnehmer*innen Aufstellung nehmen können. Auf ihren Transparenten stehen die Zahlen der Verkehrstoten der vergangenen vier Jahre. „Berlin ist mehr für Autos gemacht als für Fußgänger und Fahrradfahrer“, so Gammelien. „Berlin braucht endlich Tempo 30 als Basisgeschwindigkeit, um eine menschenfreundlichere Stadt zu werden.“ Auch Vertreter*innen des Netzwerks Radbezirk Lichtenberg sind anwesend. Sie alle fordern vor allem Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) auf, endlich einzugreifen, damit die sogenannte „Vision Zero“ von einer wirkungsvollen und nachhaltigen Verkehrssicherheitsarbeit in Berlin bis Ende 2020 nicht nur ein „Lippenbekenntnis bleibt“, wie Gammelien es formuliert.

Zuspruch erhielt die Mahnwache aus den Reihen der CDU. Diese gab anlässlich des Vorfalls eine Pressemitteilung heraus. Sie fordert mehr Verkehrssicherheit für alle Teilnehmer. Die verkehrspolitische Sprecherin der Lichtenberger CDU-Fraktion, Heike Wessoly, drückte zudem ihr Bedauern über den Fall aus. „Uns ist es ein wichtiges Anliegen, die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer stetig zu verbessern. Daher sind wir sehr dankbar für das Zeichen der Mahnwache in der Weitlingstraße. Diese Aktion zeigt auf, dass Verkehrssicherheit nicht von alleine kommt. Hierzu sind verstärkte Anstrengungen aller Beteiligten notwendig.“, so Wessoly.

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