Kiezkamera

Veröffentlicht am 13.01.2020 von Robert Klages

Zwei Bagger beim Abriss von Haus 6 auf dem ehemaligen Stasi-Gelände in der Ruschestraße. Dort war die zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe der Stasi. Für Jörg Drieselmann, Geschäftsführer des Stasi-Museums, eines der wichtigsten Gebäude. Dass es die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BlmA) abreißen lässt, versteht er nicht. In diesem Haus sei ein enormer Aktenbestand angewachsen. Da saßen früher die Analytiker der Stasi und sammelten Material, erstellten Prognosen über künftiges Verhalten von Personen. Die DDR-Bevölkerung wurde kartografiert wie Bäume in einem Wald – und vermerkt, welche von ihnen befallen waren. Kritik am Sozialismus sollte nicht mehr nur bekämpft, sondern auch im Keim erstickt und präventiv entfernt werden.

Vom Balkon des siebten Stocks des Museumsgebäudes blickt der Historiker Christian Booß (siehe Rubrik „Nachbarschaft“ weiter oben im Newsletter) auf die Abrissarbeiten am Haus 6. Er ist Vorsitzender des Vereins „Bürgerkomitee 15. Januar“, hat hier sein kleines, vollgestopftes Büro. Der Bund sagt, das Haus sei baufällig. Booß sieht das anders. Wenn so ein intaktes Haus abgerissen werden muss, müsse man halb Berlin abreißen, meint er. Im Keller befand sich noch eine Telefonanlage der Stasi, die irgendwann einfach herausgerissen wurde und zwei Tage auf der Straße lag, bevor sie entsorgt wurde.

Booß hält den Abriss für rechtswidrig. Im Sanierungsplan steht nichts von Neubau, sondern von Sanierung. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen widerspricht: Das Gebäude unterliege keiner faktischen Erhaltungsverpflichtung, denn das Sanierungsziel ließe sich auch in einem Neubau verwirklichen. Für die Liegenschaft sei Wohnen oder Verwaltung vorgegeben.

Booß steht vor den Baggern und schüttelt den Kopf. „Wenn man die Dimensionen des Stasiapparats begreiflich machen möchte, muss man die Dimensionen des Areals erhalten.“ Er befürchtet, dass Besucher denken könnten, hier hätte Mielke mit ein paar Genossen in einem Raum gehockt und das sei die Stasi gewesen. Klar könne man die enorme Größe der Stasi im Museum nachlesen, aber dieses Areal erfasse wie kein anderes die Ausmaße auf visuelle Weise. Es müsse gezeigt werden, was hier auf dem Gelände alles geschah. – Text: Robert Klages

Fotografieren Sie in Ihrem Kiez oder anderswo im Bezirk? Bitte senden Sie Ihre Bilder an: leute-r.klages@tagesspiegel.de

Dieser Text ist Teil unseres Lichtenberg-Newsletters. Diese Woche schreibt Robert Klages außerdem über folgende Themen:

  • Großereignis 15. Januar: Tag der Offenen Tür auf dem ehemaligen Stasi-Gelände
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt nach Lichtenberg
  • Wurde die Stasi-Zentrale am 15. Januar wirklich besetzt? Historiker widersprechen
  • „Als Zeitzeuge war es für mich eine Besetzung“: Was Roland Jahn zur Diskussion sagt
  • Stasi-Gelände soll zum „Campus für Demokratie“ werden: Bund, Stadt, Historiker und private Investoren streiten um Gebäude
  • Abriss vollzogen: Haus 6 der ehemaligen Stasi-Zentrale ist weg
  • Kiezspaziergang über das Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale
  • Obdachlosen-Camp an der Rummelsburger Bucht soll „strategisch“ aufgelöst werden
  • Noch kein Träger für die „Anfang 2020“ geplante neue Notunterkunft für Obdachlose gefunden
  • Berliner Polizei soll geschlechtergerechte Sprache verwenden
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