Kiezkamera
Veröffentlicht am 02.06.2020 von Robert Klages
Achtung, nicht gegentreten: In Lichtenberg liegen vielerorts Halbkugeln herum, manche sind sogar wie ein Fußball angemalt. Die sind aus Beton! Es handelt sich, ihr ahnt es schon, um Kunst. Eine Genehmigung liegt nicht vor. Aber zum einen, so erzählt mir der Künstler Uwe Jonas, sei dies bis zu einem Durchmesser von 50 Zentimeter kein Problem. Zum anderen, das sagte ich beziehungsweise die Künstlerin Finja Sander, sollte Kunst nicht um Erlaubnis fragen.
Die Halbkugeln werden ähnlich der sogenannten Binishell-Architektur mithilfe eines aufgeblasenen Gummiballons, auf dem Beton aufgetragen wird, hergestellt. Der italienische Architekt Dante Bini hat diese Methode in den 60er Jahren entwickelt, um zum Beispiel auf Sardinien für den Regisseur Michelangelo Antonioni ein „Liebesnest“ zu bauen.
Noch bis Dezember sollen jeden Monat bis zu sechs solcher Halbkugeln in Lichtenberg verteilt werden. Aber die werden doch zertreten und geklaut? Ja, leider wird dies wohl auch geschehen. Allerdings ist besonders die mutwillige Zerstörung Teil des Kunstwerks von Uwe Jonas, denn erst dann entfalten sie ihre ganze Farbigkeit. Sie besitzen innen eine andere Farbe als außen sowie farbige Bruchkanten. Hier noch mehr Fotos.
Jonas ist Leiter der „Lichtenberg Studios“ am Tuchollaplatz. Dort residieren jedes Jahr zahlreiche internationale Künstler*innen, wenn nicht gerade Corona-Pandemie ist. Über die „Lichtenberg Studios“ hatte ich auch hier im Newsletter berichtet.
Meist überstehen temporäre Kunstwerke ganz gut das „Ausgesetzt werden“, meint Jonas. Nur sehr selten komme es zu Zerstörungen. Häufiger werden sie mitgenommen oder verschwinden gar völlig. Trotzdem birgt Kunst im Öffentlichen Raum natürlich immer ein Risiko: „Vor zwei Jahren wurde eine Soundinstallation eines befreundeten Künstlers mit ca. 30 Einzelobjekten so akribisch zerstört, dass nur noch ein Haufen Schrott übrig blieb. Nicht einmal die brauchbaren Komponenten wurden entwendet.“
Vielleicht war der Sound unerträglich und ein Anwohner hielt es nicht mehr aus? Oder jemand hat seine Wut an den Objekten ausgelassen? Jonas findet: „Diese Reaktion zeigt eine immense Wut auf all das, was aus dem Rahmen fällt, oder vielleicht aufgrund seiner Unbeschütztheit als Projektionsfläche für Probleme geeignet erscheint.“ So richten sich seine Binishell-Halbkugeln auch an die blinde Wut, die aber bei genauerem Hinsehen das Gegenteil bewirkt: Eine Umformung oder aktive Gestaltung der Umwelt mit einem ästhetischem Ergebnis, das die Zerstörung vergessen macht. Also doch gegentreten? Wenn es denn der Kunst dient. Aber immer noch Achtung: Beton! Aber vor allem gerne: Fotos schicken. Kunstwerke, besonders die im öffentlichen Raum, müssen sich ja medial entfalten.
Foto: Uwe Jonas
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