Namen & Neues

Tag des guten Lebens in Lichtenberg

Veröffentlicht am 01.10.2018 von Paul Lufter

Keine Autos auf den Straßen, tauschen und teilen anstatt kaufen und verkaufen, Nachbarschaften, die sich zusammentun, um ihr Viertel zusammen zu gestalten und zu genießen. Klingt alles nach realitätsferner Utopie. Mitnichten! Das alles gehört zum sogenannten „Tag des guten Lebens“, der so schon mehrfach in Köln stattgefunden hat, initiiert 2012 von Davide Brocchi, der diesen nun bis 2020 auch in den Kaskelkiez bringen will. Im Zentrum der Arbeit des Sozialwissenschaftlers stehen die kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit, die Bildung unkonventioneller Bündnisse sowie die Transformation als partizipativer Prozess im Lokalen. Ohne zu konkret zu werden, beschreibt das den „Tag des guten Lebens“ schon sehr gut, aber Butter bei die Fische: Worum geht es überhaupt genau?

Am vergangenen Donnerstag stellte Brocchi sein Konzept Anwohner*innen und Vertreter*innen der Stadtteilkoordination vor. Die leider nur mäßige Anteilnahme der Anwohner*innen (lediglich fünf Personen) lässt hoffentlich nicht auf ein generelles Desinteresse der Anwohner*innen bezüglich Brocchis Idee zurückschließen, wahrscheinlich lag es aber einfach an der zeitgleich stattfindenden Ausschusssitzung zum Thema Ostkreuz. Dabei ist die Idee von Brocchi höchst interessant. Am besten lässt es sich am Beispiel von Köln-Ehrenfeld beschreiben. Dort fand am 15. September 2013 unter dem Motto „Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ der erste Tag des guten Lebens statt. Dafür wurde ca. ein Quadratkilometer mit 24 Straßen abgesperrt und sämtliche Fahrzeuge aus dem Gebiet ausgelagert, sodass Straßen, Bürgersteige und Parkplätze für einen Tag den 22.000 Anwohner*innen allein gehörten. Im folgenden Jahr wurde der Tag wieder in Ehrenfeld begangen, diesmal verdoppelte man sich jedoch. Seitdem findet der Tag jährlich in einem anderen Kölner Quartier statt.

Im Grunde ist das Konzept simpel. Brocchi hat für den Tag nur vier Regeln, die aber unabdingbar sind. Die Autos müssen weg. Es darf nichts verkauft oder gekauft werden, lediglich schenken und teilen ist erlaubt. Damit will man sich auch von kommerziellen Stadtfesten abgrenzen. Die Anwohner*innen müssen sich untereinander absprechen, was sie zum Tag beitragen wollen. Es gibt keine Alleingänge. Alle müssen zusammenarbeiten. Außerdem haben die Anwohner*innen an diesem Tag alles in der Hand, das geht jedoch auch mit entsprechenden Pflichten einher. Finanzielle und personelle Posten müssen von den Anwohner*innen gestemmt werden.

Für Brocchi ist ein selbstbestimmtes Leben ein gutes Leben, während steigender Konsum kein zwangsläufiger Parameter für tatsächlichen Wohlstand ist. Um der Demokratie aus der Krise zu helfen, müsse man Freiräume zur Entwicklung, Erprobung und Diskussion alternativer Lebenskonzepte erlauben, vor allem für Konzepte, die sich nicht am Wirtschaftswachstum orientieren, meint Brocchi. Mit dem Tag des guten Lebens möchte er den Menschen diesen Freiraum geben. Laut Brocchi handele es sich hierbei weniger um ein Event als mehr um einen Katalysator in Richtung Selbstbestimmung und Nachhaltigkeit.

„Die Menschen erleben die Stadt an einem solchen Tag aus einer anderen Perspektive“, so Brocchi. Die Planungsphase sei jedoch nicht einfach. In Köln hat sich inzwischen das Netzwerk Agora Köln gebildet, das den Tag stemmt. In Berlin wäre es vor allen an den Anwohner*innen. Brocchi würde den Tag des guten Lebens 2020 gerne in drei Kiezen von Berlin durchführen, jeder in einem anderen Bezirk – Mitte, Neukölln und Lichtenberg. Der Kaskelkiez in Lichtenberg bietet sich an, da er für den Anfang eine überschaubare Größe habe und bereits einige Nachbarschaftsinitiativen vorweisen könne, von denen die Veranstaltung profitieren würde.

Noch ist nichts geklärt. Weder der Bezirk noch die Anwohner*innen haben bisher ihre Zustimmung zum Tag des guten Lebens gegeben, doch ist die Stimmung am Ende der Veranstaltung optimistisch. Es braucht jedoch eine breite Zustimmung in der Anwohner*innenschaft, damit der Tag stattfinden kann. Ein zweites Treffen ist für Mittwoch, den 7. Oktober, um 17.30 Uhr in den BLO Ateliers, Kaskelstraße 55, geplant. Falls Sie also im Kaskelkiez leben, gucken Sie mal vorbei. Am Ende haben wir es in der Hand, wie wir leben wollen.

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