Namen & Neues

André Hoek: Vom Obdachlosen zum Obdachlosen-Helfer - und nun entlassen

Veröffentlicht am 25.02.2019 von Robert Klages

André Hoek war selbst mal obdachlos. Später wurde er Streetworker für Karuna eG am Kältebahnhof Lichtenberg. Während der Wintertage berichteten zahlreiche Zeitungen über seine Arbeit mit Obdachlosen und seine persönliche Geschichte – denn diese ist auch wahrlich bewegend.

Nun wurde Hoek bei Karuna fristlos-fristgerecht in der Probezeit entlassen. Grund dafür sind Vorwürfe der Sicherheitsfirma Wisag. Diese hat mehrere Mitarbeiter*innen vor Ort am Bahnhof Lichtenberg und soll mit den Streetworker*innen zusammenarbeiten. Wisag-Mitarbeiter*innen hatten sich bei Karuna und der BVG jedoch über „Herrn H.“ beschwert. Er habe mehrfach versucht, Hausrecht auszuüben, sei „dirigistisch“ gegenüber Wisag-Mitarbeiter*innen gewesen, habe Obdachlose angebrüllt, sich in Polizeieinsätze eingemischt und „einen Passanten zu Boden getreten“.

Hoek bestreitet mir gegenüber die Vorwürfe. Im Gegenteil sei es so gewesen, dass er verhindert habe, dass Wisag-Mitarbeiter*innen Obdachlose aus dem Kältebahnhof werfen. Er selbst habe Hausverbote immer nur für eine Nacht erteilt. Das vorgeworfene Niedertreten sei ihm schon rein körperlich gar nicht möglich: seitdem er mal im Rollstuhl saß, könne er seine Beine nicht mal mehr in Hüfthöhe anheben.

Der Passant habe mehrfach die Musik laut aufgedreht, auch, als er dicht vor den schlafenden Obdachlosen stand. Als er dies nicht unterlassen wollte, hätten Wisag-Mitarbeiter und er den Mann aus dem Kältebahnhof gebracht, wobei dieser erneut die Musik provokativ aufgedreht habe. Hoek habe den Mann daraufhin leicht geschubst, dieser fiel über seine eigenen Beine auf den Boden.

Hoek findet die Arbeit von Karuna auch weiterhin gut. „Besonders bei ganz jungen Leuten, die sie von der Straße geholt haben, leisten sie gute Arbeit.“ Das Projekt „MOMO The Voice of disconnected Youth“ sei außergewöhnlich gut. Und das gelte auch weiterhin. Er habe lediglich Schwierigkeiten mit drei Vorgesetzten gehabt. Dies hat er auch in einem ausführlichen Blogeintrag kundgetan ohne die Namen zu nennen. Dort spricht er von Mobbing gegen seine Person, wobei ihm auch Karuna-Kolleg*innen nicht geholfen hätten. Zudem habe er 700 Euro weniger Gehalt erhalten als ursprünglich vereinbart.

Es ist besonders ein Fall, der Hoek zum Verzweifeln bringt. Er nennt es „unterlassene Hilfeleistung an Obdachlosen“. Ein Obdachloser sei dem Tode nahe gewesen, trotz mehrerer Hinweise wären seine Karuna-Vorgesetzten nicht aktiv geworden beziehungsweise hätten den Fall unterschätzt. Erst, als Hoek damit drohte, „im Falle des Todes die Presse einzuschalten“, habe man reagiert – nachzulesen auf dem Blog.

Sein „Expertenwissen“, das er als ehemaliger Obdachloser mitbringe, sei bei Karuna nichts wert gewesen, erzählt mir Hoek. „Auch wurde mir von meinem Chef praktisch ein Verbot erteilt, den Obdachlosen effektiv zu helfen. Seine Ansage war: ‚Deine Aufgabe ist es, die Leute vor dem Erfrieren zu bewahren. Mehr nicht!'“

„Es gibt zu allem was Herr Hoek sagt entweder eine zweite Meinung oder eine komplett andere Auffassung“, schreibt mir Jörg Richert, Vorstandsvorsitzender der Karuna Sozialgenossenschaft, auf Nachfrage. „Gewalt in welcher Form und gegen wenn auch immer ist unakzeptabel und kann von uns nicht hingenommen werden.“ Man achte Hoeks Engagement für obdachlose Menschen und würde sich freuen, „ihn außerhalb unserer Organisation unterstützen zu können, damit er seine Perspektive als ehemals selbst Betroffener einbringen kann“. Die BVG, der der Bahnhof gehört, wollte sich auf Nachfrage nicht dazu äußern.

Berlin will in Zukunft vermehrt auf ehemalige Obdachlose als Streetworker*innen setzten. Diese könnten beispielsweise als „Lotsen“ in der Stadt unterwegs sein und Obdachlose ansprechen. So der Plan von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke).

„Ex-Obdachlose sehen Notfälle besser als studierte Sozialarbeiter“, sagt Hoek. „Es gibt Dinge, die können an keiner Hochschule erlernt werden, die kennst du nur, wenn du selbst mal auf der Straße gelebt hast.“ Hoek selbst muss nach seiner Entlassung nun erstmal zum Arbeitsamt und Hartz IV beantragen.

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