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Gender Gap: Frauen sterben häufiger bei Verkehrsunfällen. "Carlesshorst" fordert autofreies Karlshorst

Veröffentlicht am 07.12.2020 von Robert Klages

„Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau bei einem Autounfall ernsthaft verletzt wird, ist 47 Prozent höher, und dass sie stirbt, 17 Prozent höher als bei einem Mann, der den gleichen Unfall hätte. Das liegt daran, wie Autos designt sind und dass Crashtest-Dummies an einen Durchschnittsmann angelehnt sind.“ Es geht um Körpergröße, Gewicht, Anatomie. Das sagt die britische Autorin Carolina Criado-Perez in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen“, hier in einem Taz-Beitrag und hier im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Frauen sind bei Autounfällen gefährdeter als Männer – zu diesem Ergebnis kommt auch der Mobility Report 2021. Eine Fahrerin oder Beifahrerin stirbt 17 Prozent häufiger und wird 73 Prozent häufiger schwer verletzt als männliche Fahrer oder Beifahrer. Grund dafür ist der Crashtest-Dummy, der in den USA verwendet wird. Er wurde 1970 entwickelt und bildet den damaligen Durchschnittsamerikaner ab – allerdings nur den männlichen. Weibliche Crashtest-Dummies gibt es nicht, obwohl sie die Überlebensrate bei einem Crash deutlich verbessern werden würden, worauf seit Jahren vergeblich hingewiesen wird. Weiter heißt es in der Studie:

Ebenso vernachlässigt wird die Angst von Frauen, sich vor allem nachts durch Städte zu bewegen. Sicherer Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln ist nach wie vor ein männliches Privileg. Untersuchungen zufolge ist die mangelnde Sicherheit von Frauen auf städtischen Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln weltweit so besorgniserregend, dass mehr als 50 Prozent ihr Verhalten regelmäßig ändern und öffentliche Räume meiden, um das Risiko von Belästigungen zu verringern.

Auf die Studie aufmerksam gemacht hat mich Phillip Jones aus Karlshorst, der sich mit „CarlessHorst“ für ein Radverkehrsnetz und ein verkehrsberuhigtes Karlshorst einsetzt – am liebsten autofrei natürlich.

Zwei Frauen haben mir ihre Erfahrungen aufgeschrieben: Die 29-jährige Nathalie wohnt in der Tannhäuserstraße: „Mich stört am meisten der Weg vom Bahnhof Rummelsburg bis Hönower Weg/Neuer Feldweg. Der ist schlecht beleuchtet und schon fast von den seitlichen Gebüschen aufgefressen. Das Ganze verschärft sich durch den gruseligen Weg der genannten Ecke bis nach Karlshorst (Tannhäuserstraße), durch die Unterführung durch.

Da braucht es dringend eine neue und bessere Beleuchtung. Zum Glück kommt jetzt eine halbe geteerte Fahrspur als Verlängerung zur Wallensteinstraße, damit man mit dem Fahrrad wenigstens nicht auf dem Gehweg fahren muss. Ich hatte nämlich in dem Zusammenhang schon mehrere unangenehme Situationen mit Männern an denen ich vorbeimusste. Das gleiche Problem gilt vom U-Bahnhof Tierpark Richtung Karlshorst (z.B. Rienzistraße und Ilsestraße). Als Frau durch die dunklen Kleingärten ist mehr als gefährlich und sehr, sehr unangenehm. Um beide genannten Problemzonen zu umgehen, muss ich einen recht großen Umweg in Kauf nehmen oder bei Nutzung der Bahn plus Fahrrad teilweise andere Verbindungen nutzen.“

Eine 25-jährige Studierende aus Treptow-Köpenick möchte anonym bleiben: „Ich merke nahezu täglich, dass in der Verkehrsinfrastruktur viele Mitmenschen bei der Verkehrsplanung nicht berücksichtigt werden: das beginnt, wenn ich aus der Haustüre gehe und der Gehweg so schmal ist, dass meine Nachbar*innen und ich es bevorzugen auf der Straße zu laufen – für meine Nachbar*innen mit einer Gehhilfe, Rollstuhl oder einem Kinderwagen eine alltägliche Herausforderung. Gerade im Winter, wenn es früh dunkel wird, stellt dies für alle, die ohne Auto unterwegs sind, eine große Gefahr dar.

Als Fahrradfahrerin fahre ich zu dieser Jahreszeit auch ungern im Dunkeln durch die Wuhlheide, weil es auf den ausgeschriebenen Fahrradwegen wenig bis keine Beleuchtung gibt. Bin ich mit dem Rad tagsüber unterwegs, wird mein Raum auf der Straße von (männlichen) Autofahrern oft in Frage gestellt: ich werde ausgebremst und die vorgeschriebenen 1,50 Meter Abstand zwischen Radfahrenden und Autos werden beim Überholen selten eingehalten.

Während Autos scheinbar problemlos in zweiter Reihe, auf Geh- oder Radwegen, in Kurven parken können – sehe ich als Fahrradfahrerin an vielen Orten Schilder mit der Aufschrift ‚Fahrrad abstellen verboten‘. Wenn ich ohne Fahrrad unterwegs bin, stören mich beim Überqueren der Straße oft die kurzen Grünphasen von Ampeln, z.B. bei der Treskowallee. Bei all diesen Beispielen frage ich mich: Wer plant die Verkehrsinfrastruktur und welche Bedürfnisse verschiedener Personengruppen werden bei der Planung konsequent berücksichtigt und welche werden nicht berücksichtigt?“