Kiezgespräch

Veröffentlicht am 05.11.2018 von Pauline Faust

Fast 2000 Seiten Ausdrucke, es liegt eine Menge Papier auf dem Tisch. Im Stadtteilzentrum Ikarus diskutieren Karlshorster*innen über neue Vorhaben in ihrem Kiez. Es soll einiges gebaut werden und das beunruhigt sie.

Karlshorst wurde früher einmal das „Dahlem des Ostens“ genannt, ein Villenviertel. In den letzten Jahren gab es einen starken Zuzug von Familien, die Schulen und Kitas platzen aus allen Nähten. In der Initiative Karlshorst-Netz wollen die Anwohner*innen mitgestallten, auch damit es nicht zum infrastrukturellen Supergau kommt. Dafür haben einige Mitglieder die Pläne gewälzt: „Für die Parkstadt sind das 1111 Seiten und für die Kaisergärten 787“, sagt Götz Frommer vom Karlshorst-Netz.

Diese zwei Bauprojekte hat sich die Initiative momentan vorgeknöpft: Mit der Parkstadt plant der Privatinvestor Bonava einen Gebäudekomplex: Neben Mietwohnungen und einer Schule, sollen dort auch mehr als 500 Eigentumswohnungen entstehen. In der Wandlitzstraße plant der Bezirk mit einer Objektgesellschaft auch Wohnungen, die Kaisergärten. Die Projekte sind räumlich nicht weit voneinander entfernt:

„Das wird den Verkehr hier überfordern“, sagt Frommer, „zumal auch noch die Schule gebaut wird“. Im Flächennutzungsplan für die Kaisergärten ist eigentlich auch eine andere Bebauung vorgeschrieben, mit weniger Wohnraum. Der Bezirk will aber mehr als doppelt so viel mehr bauen: „Der Hauptgrund ist die lärmschützende Funktion höherer Gebäude für das gesamte Prinzenviertel“, erklärt die Verwaltung. Das Grundstück liegt neben einer viel befahrenen Bahnstrecke. Frommer kann das nicht nachvollziehen: „Heißt das jetzt, dass die neuen Nachbarn für die alten den Lärm abfangen?“. Ein Rechtsgutachten legt nahe, dass die Lärmbelästigung in den Kaisergärten zu hoch werden könnte.

Für Frommer und seine Mitstreiter*innen sind diese Ungereimtheiten Grund sich einen Anwalt zu nehmen: Bis zum 8.November können Anwohner*innen gegen die ausgelegten Pläne Einspruch erheben. Eine Argumentationshilfe dafür hat Netzwerk-Mitglied Albrecht Gramberg geschrieben: „Nicht jeder hat Zeit, sich das alles durchzulesen“, sagt der Lehrer im Ruhestand. „Ich habe viel von der Gesellschaft bekommen und möchte etwas zurückgeben“, erklärt er sein Engagement. Gramberg glaubt daran, etwas bewirken zu können: Wenn man bereit ist, dicke Bretter zu bohren, bekommt man schon irgendwann Nägel rein.

Das liebe Leser*innen, finde ich bewundernswert. Die 2000 Seiten Bebauungspläne habe ich nicht gelesen, sondern nur kleine Ausschnitte. Über den meisten Begriffen in den Dokumenten saß ich mit einem Stirnrunzeln. Fragen habe ich mir vom Bezirksamt beantworten lassen, was ein Privileg der Journalist*innen ist. Manchmal kommt es mir vor, als ob die Verwaltungen mir Privatnachhilfe im öffentlichen Recht geben. Die meisten Berliner*innen können das nicht in Anspruch nehmen. Wer nicht gerade Baurecht studiert hat, kann mit den fast 2000 Seiten eher wenig anfangen. Statt Buchvorlesungen in Bibliotheken, könnte der Bezirk doch einmal ein betreutes Lesen von Bebauungsplänen veranstalten. Wir nehmen uns dann einen Schlafsack, Deodorant und Verpflegung mit. Nach einer Woche auf dem Bibliotheksflur hätten wir dann den ersten Plan durchgearbeitet.

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