Kiezgespräch

Veröffentlicht am 07.01.2019 von Robert Klages

Und? An Silvester ein Taxi bekommen? Das soll ja nicht so leicht sein an diesem Tag. Ich habe mich dazu mal mit Christian Schmitz unterhalten, Taxifahrer in der Nachtschicht. Hier den Artikel lesen. Guter Mann, der auch ein Buch über seine nächtlichen Erlebnisse geschrieben hat und auf Lesebühnen in Berlin liest. Er fährt auch „ausländerfeindliche Fahrgäste“ von A nach B, fühlt sich aber schlecht dabei. Auf den Ausspruch „Oh, mal ein deutscher Fahrer“ reagiert er mit „oh, mal ein ausländerfeindlicher Fahrgast.“

Ist das ausländerfeindlich? Oder ist der erste Satz „eine völlig korrekte Feststellung in dieser Situation“, wie jemand auf Twitter schrieb? Ich hätte gar nicht gedacht, dass man darüber diskutieren muss. Ich hätte nicht mal gedacht, dass jemandem beim Einsteigen in ein Taxi auffällt, ob der Fahrer „deutsch“ ist oder nicht. Wir haben jetzt 2019 und sind hier in Europa.

Es sollte uns vollkommen egal sein welcher Mensch uns von A nach B fährt – also nicht der Mensch, sondern seine Herkunft. Ich weiß, viele denken, die Frage „Wo kommen Sie her?“ sei nicht rassistisch. Es ist ja sicherlich oftmals auch nicht böse gemeint. Aber man stelle sich mal vor, jeden Tag würden einen die Menschen fragen, wo man denn herkommt. Das nervt nicht nur, man wird auch auf seine Herkunft reduziert. Ist das wirklich das erste, was einem als Frage einfällt? Ich weiß auch, dass manche das als interessierte Frage verstehen. Und natürlich, ich finde es auch interessant zu erfahren, wo jemand aufgewachsen ist etc.

Ich höre auch gerne die Geschichten von Geflüchteten über ihre Reise. Aber ich beginnen doch so kein Gespräch. Ich weiß, das fällt einem vielleicht nicht so auf – auch ich wurde erst von Freunden darauf aufmerksam gemacht. Und die haben erzählt: Sie antworten dann, dass sie aus Berlin kommen. Born and raised. Sie kennen ihre afrikanischen oder asiatischen oder muslimischen „Herkunftsländer“ auch nur aus dem Fernsehen oder von einem Urlaub und gelten dort als „Deutsche“. Nur in Deutschland nicht, da gelten sie immer noch als „Ausländer“. Solche Gespräche gehen dann weiter:

„Und … wo kommen Sie her?
„Aus Berlin.“
„Nein, ich meine … also ursprünglich.“
„Ich bin in Berlin geboren und hier aufgewachsen.“
„Ja, Sie verstehen mich nicht: Also Sie haben doch einen Migrationshintergrund.“
„Nein.“
„Und Ihre Eltern, wo kommen die her?“
„Aus Berlin. Sind auch hier geboren. In einem Krankenhaus in Kreuzberg.“
„Ja, aber die müssen ja mal irgendwann von irgendwoher hierhin gekommen sein. Aus irgendeinem Land.“
„Ich habe Vorfahren in Kamerun.“
„Na sehen Sie, das meine ich. Kamerun.“

So ein „Gespräch“ kann sich durchaus ziehen. Oft folgt dann die „Feststellung“: „Sie sprechen aber gut deutsch.“

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