Kiezgespräch

Veröffentlicht am 04.02.2019 von Robert Klages

Schülersprecher gegen AfD-Vertreter bei Holocaust-Gedenken. Obwohl nicht eingeladen erschienen AfD-Vertreter zu einem Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus. Ein Gymnasium diskutiert nun über den Umgang mit der Partei: Polizei rufen, Weg versperren?

Wie schon letztes Jahr ist es am Holocaustgedenktag zu Diskussion um die Teilnahme der AfD gekommen. In Marzahn-Hellersdorf hinderten rund 30 Personen die Vertreter der Partei, darunter Gunnar Lindemann, an der Kranzniederlegung, indem sie den Zugang zur Gedenkstelle für die ermordeten Zwangsarbeiter auf dem Parkfriedhof blockierten. Schon vor der Veranstaltung hatte die „Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ in einem offenen Brief gefordert, die AfD von der Veranstaltung auszuschließen.

Überlebende des Holocaust unterzeichneten den Brief, in dem es heißt, die AfD wolle sich mit der Teilnahme an Gedenkveranstaltungen lediglich als „ganz normale demokratische Partei profilieren.“ Zwei Polizeibeamte waren vor Ort. Auch darüber beklagte sich Lindemann in einem Offenen Brief, den er auch twitterte. Die Vorsteherin der BVV hätte als Veranstalterin dafür Sorge tragen müssen, dass er an der Gedenkveranstaltung teilnehmen kann und für mehr Polizeipräsenz sorgen sollen.

Bereits im letzten Jahr hatten rund 50 Personen den Lichtenberger AfD-Stadtrat Frank Elischewski daran gehindert, einen Gedenkkranz niederzulegen: Diesem wurde der Kranz abgenommen und von einer anderen Person niedergelegt. Auch konnte Elischewski seine Rede nicht halten.

Elischewski war in diesem Jahr zu einem Gedenken anlässlich der ermordeten Juden zu einer ehemaligen Synagoge in Hohenschönhausen gekommen, veranstaltet durch das Manfred-von-Ardenne-Gymnasium. Zahlreiche Schüler*innen und Lehrende nahmen daran teil, sowie der eingeladene Bürger*innenmeister von Lichtenberg, Michael Grunst (Linke) sowie Gesine Lötzsch (Linke).

„Aufgrund der Aussagen hoher AfD-Funktionäre zur NS-Vergangenheit“ hatte sich die Schulleitung bewusst dazu entschieden, Vertreter*innen der AfD nicht zur Gedenkveranstaltung einzuladen. Trotzdem erschienen Elischewski und ein weiterer AfD-Vertreter, die beide zuvor wohl noch nie an dem jährlichen Gedenken teilgenommen hatten. Die Option, die AfD-Vertreter des Feldes zu verweisen, habe man bewusst nicht wahrgenommen, sagte Roland Huschner, Fachbereichsleiter Politikwissenschaft/Geschichte. Die Schule war zwar Veranstalter des Gedenkens, trotzdem handelt es sich um einen öffentlich zugänglichen Raum.

Huschner findet, wenn es den AfD-Vertretern so wichtig sei, einen Kranz dort niederzulegen, hätte dies samt Foto auch eine Stunde später geschehen können. Die Schulvertretung hatte sich in dieser Situation dazu entschlossen, der AfD ausschließlich inhaltlich entgegenzutreten. Weiter sehe man keine Möglichkeit, AfD-Vertreter von der Teilnahme abzuhalten.

„Sollten Schüler*innen oder Lehrer*innen den Weg versperren? Sollte man die Polizei rufen? Aus unserer Sicht wäre solch ein Verhalten bei einer Gedenkveranstaltung völlig unpassend und würde nur der von der AfD so oft betriebenen Inszenierung als `Opfer linksradikaler Strömungen´ in die Karten spielen.“

Das Gymnasium ist Mitglied im Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. „Die Werte und Ideale, die den Umgang miteinander sowie den Unterricht am Manfred-von-Ardenne-Gymnasium bestimmen, sind nicht in Einklang zu bringen mit den durch die AfD vertretenden Positionen“, so Huschner. „Deren teilweise menschenverachtenden Forderungen und auf schlichter Unwissenheit basierenden Ansichten bzw. Aussagen lehnen wir ab.“

Ein auf Schüler*inneninneninitiative verfasstes Schreiben als Reaktion auf die Kranzniederlegung der AfD unterstreiche dies. Die Schüler*innensprecher hatten dieses auch sichtbar am Gedenkort platziert. Darin heißt es, wer den Nationalsozialismus als einen „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ betrachtet und das Mahnmal des Holocausts als „Mahnmal der Schande“ betitelt, bediene sich schlimmster Polemik, Populismus und Radikalismus, der an die Rhetorik und die gesellschaftliche Spaltung der Weimarer Republik erinnern könnte.

Und in Richtung der Partei schrieben die Schüler*innen: „Deshalb appellieren wir an Ihren gesunden Menschenverstand zu prüfen, inwiefern die Kondolenz zu dieser Veranstaltung der AfD-Fraktion Lichtenberg glaubwürdig ist.“

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