Kiezgespräch

Veröffentlicht am 24.06.2019 von Robert Klages

Die Satire hat es nicht leicht gehabt auf dem Kiezfest. Ich meine das „Wir im Kiez“- Fest auf dem Münsterlandplatz am 15. Juni. „Herr Klages, sagen Sie mal, warum waren denn da so viele Polizisten? Und hat sich der Mann auf der Bühne wirklich über Muslime lustig gemacht? Sie waren doch auch dort!“ Mails in dieser Art erhielt ich einige. Und ja, ich war auch da, gehörte ich doch zur Jury bei dem Fotowettbewerb (siehe Kiezkamera).

Zum Polizeiaufgebot: Ja, als ich ankam, dachte ich auch zunächst: Wow, ordentliches Aufgebot für ein kleines Kiezfest mit Flohmarkt (auf dem eine junge Frau Homöopathische Mittel verschenkte, die sie nicht mehr brauchte). Dann erfuhr ich: die Polizei war da, um Fahrräder zu markieren, damit diese nach einem Diebstahl wiedererkannt werden können. Das gehörte zum Programm des Kiezfestes.

Zu dem „Burkini-Song“: Auf der Bühne stand Gerald Wolf und er spielte den „Burkini-Song“, nachzuhören auf seiner Website, drittes Video, kommt dann gleich am Anfang. In dem Video nicht zu sehen die kritische Strophe, die Wolf auf dem Kiezfest jedoch nicht ausließ:

„Mag’s auf Erden auch krachen und brennen

Alle Pipifax und Einerlei!

Wichtig ist doch nur, dass unsere Strände

Bald wieder grüßen Burkinifrei!“

Das ist klassische Ironie. In dem Song heißt es auch (im Rhythmus von „Mein kleiner Kaktus“): „Ja, was gibt es denn da zu sehen? Das missfällt besonders den Herrn. Nun mach dich endlich frei.“ Das Lied handelt von dem Aufsehen, das eine Frau in einem Burkini in Nizza entfacht hatte. Als sei dieses Kleidungsstück etwas Obszönes, sogar das Ordnungsamt kam vorbei.

Der Song beruht auf einer wahren Begebenheit: Im französischen Strand von Nizza wurde 2016 ein Burkini-Verbot erlassen. Wer sich nicht daran hält, muss sich auf Anordnung der Polizei noch am Strand teilweise entkleiden – und ein Bußgeld zahlen. Hier Fotos davon, wie Polizisten eine Frau dazu zwingen, ihren Burkini auszuziehen. Leider keine Satire, auch wenn die Kolleg*innen der Welt es mit lustiger Musik untermalen.

„Satire ist entweder links oder gar nichts“, sagte mir Wolf am Telefon. Für rechts wurden er und seine Lieder noch nie gehalten. Aber so ein Kiezfest sei auch schwierig für die Satire. („Vielleicht hätte ich ein Schild mitbringen sollen: Achtung! Satire.“) Er spiele oft in Lichtenberg, aber sowas wie auf dem Kiezfest sei ihm noch nicht passiert. „Politisches Kabarett sollte nach meinem Verständnis nie nach unten treten – oder die eh schon Erniedrigten und Beleidigten verhöhnen oder voyeuristisch vorführen wie zum Beispiel eine RTL-Hartz-IV -Sendung“, erzählt er mir weiter. Es kommt nicht oft vor, dass sich Satiriker*innen rechtfertigen müssen.

„Wenn aber die Satire Angst hat, sich in die Hosen zu machen, dann haben wir bald gar nichts mehr zu lachen“, sagt Wolf, ohne zu lachen. Es kursiere in der Kabarettszene ein Witz: „Früher ging man für einen politischen Witz in den Bau. Heute muss man ihn dreimal erklären!“

Wachsamkeit gegen Rechts sei immer gut, schrieb mir Wolf. „Aber mit Verlaub: Ich glaube einige BesucherInnen des Stadtteilfestes haben den Burkini-Song leider in die falsche Kehle gekriegt. Ich nehme ja gerade die Diskriminierung der muslimischen Frau auf die Schippe und kritisiere die doppelte Sexualmoral: Früher sollte sich die Frau verhüllen – und wenn sie sich heute verhüllt – dann kommt die Polizei.“

Ansonsten hätten politische Kabarettisten in diesen Zeiten oft das gegenteilige Problem: „Je mehr sie sich in ihren Texten für Flüchtlinge einsetzen – desto schwieriger kann’s werden“, meint Wolf – man solle das jedoch als Herausforderung annehmen.

Und dann spielte Wolf auch noch das „Bayern-Lied“ auf dem Kiezfest. Sein Schlusslied. Hier zu hören, das erste Video. „Bayern-Pack du stirbst allein“, heißt es dort. Der Moderator des Abends beim Kiezfest sagte dann, er sei zwar Dortmund-Fan, aber jemanden als „Pack“ zu bezeichnen, darüber solle sich Wolf doch nochmal Gedanken machen, sowas wolle man hier nicht – woraufhin eine Gruppe von vier oder fünf Leuten applaudierte.

Interpret Wolf sagte mir dazu, es handele sich um ein Schmähgedicht nach einem Text von Ralf Oberndörfer, der dieses nach dem Champions League-Gewinn von Bayern München 2001 verfasst und in der Taz veröffentlicht habe.

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