Kiezgespräch

Veröffentlicht am 13.07.2020 von Pauline Faust

Nudeln waren zur Hochphase der Corona-Beschränkungen Ende März begehrt: Hamsterkäufer hatten Regale geleert aus Sorge, das Lebensmittel könnte bald ausverkauft sein. Zu dieser Zeit entscheidet Michael Schneider, ein Leser des Lichtenberg-Newsletters sich an den Tagesspiegel zu wenden. Schneider hat zu diesem Zeitpunkt seit 18 Tagen hauptsächlich Nudeln gegessen, er hatte aber nicht gehamstert. Der 52-jährige aus Marzahn konnte sich schlicht nichts Anderes leisten.

Der ehemalige Maurer atmet etwas schwer ins Telefon, als er beginnt seine Geschichte zu erzählen: Mit einem Minijob als Security-Mitarbeiter hatte er lange seine Erwerbsminderungsrente aufgebessert. „Es gab viel Abwechslung: Fußballspiele, Parteitreffen oder Volksfeste habe ich beaufsichtigt.“ Doch dann kam die Pandemie, Events waren verboten und der Job war weg.

Schneider blieben nach eigenen Angaben von heute auf morgen nur 40 Euro im Monat zum Leben und damit: Nudeln. „Es wird noch mehr Menschen geben, denen es so wie mir geht“, sagt er. Menschen, die Corona in eine kritische Situation gebracht hat. In eine Situation, in der die sozialen Sicherungssysteme nicht oder nur verzögert greifen. Eine Situation in der blitzschnell Milliarden für die Lufthansa da sind, aber keine paar Hundert Euro für einen ehemaligen Maurer. Mit dem Security-Job hatte Schneider seine Erwerbsminderungsrente von 580 Euro auf 1030 Euro aufgestockt. Genügend, um seine Miete zu bezahlen und sich gesünder zu ernähren.

In Berlin ist Schneider weitgehend allein: 2018 ist er aus Baden-Württemberg in die Hauptstadt gezogen, um bei seiner Tochter zu wohnen – doch sie ist mit seiner Exfrau in Georgien. Immerhin einen Freund hat er hier, sagt Schneider, und manchmal hilft er ehrenamtlich in einem Kindergarten in Lichtenberg. Vor kurzem hat er dort einen Unterstand für Kinderwagen gebaut. Angefangen hat er in der Kita vor Corona, um etwas gegen seine Einsamkeit zu unternehmen. Es scheint unmöglich ein gesundes Sozialleben aufzubauen, ohne Anlaufstelle und in diesen Tagen, wo Abstandhalten notwendig ist.

„Wir hören viel von Einsamkeit“, sagt Martina Nowak. Die Sozialarbeiterin der Caritas in Lichtenberg unterstützt Menschen wie Schneider. Sie hilft, Anträge bei Behörden zu stellen oder Dokumente und Unterlagen zu beschaffen. Nebenbei hat sie auch ein offenes Ohr für die sozialen Probleme ihrer Klienten. Nowak sucht nach Lösungen für deren finanzielle Nöte. „Es ist eine ganz schöne Recherchearbeit, man muss sich gut auskennen in den Sozialgesetzbüchern und suchen, wo ein Anspruch liegen könnte“, sagt sie.

Auch für Michael Schneider ist der Antragsdschungel eine Belastung. Selbst mit Beratung hat er bisher keinen Erfolg auf der Suche nach finanzieller Hilfe gehabt. „Eigentlich stünden mir 432 Euro zum Leben zu, das ist der Harz IV Regelsatz – im Moment habe ich aber nur 40“, sagt er. Das Sozialamt hat ihn zunächst an die Wohngeldstelle verwiesen, doch da dauere die Bearbeitung eines Antrags bis zu drei Monate. Das zuständige Bezirksamt will sich aus Datenschutzgründen nicht zu seinem Fall äußern. Eigentlich könne ein Amt auch Soforthilfe leisten, erklärt Martina Nowak. „Ich habe vor drei Wochen einen neuen Antrag gestellt und bis jetzt nichts gehört – ich kann auch niemanden dort erreichen“, meint Schneider. Die Sozialarbeiterin kennt solche Probleme: „Die Kommunikation zwischen Behörde und Antragsteller ist oft nicht einfach, manchmal versteht man sich falsch.“

Eine Beantwortung von Schneiders Anträgen ist bis heute nicht erfolgt. Doch für den Marzahner geht es seit kurzem wieder bergauf. Nachdem er drei Monate mit 10 Euro in der Woche auskommen musste, hat er einen neuen Minijob. Seit Juli arbeitet er als Hausmeister in der Lichtenberger Kita, wo er zuvor ehrenamtlich geholfen hat.

[Eine ungekürzte Version dieses Textes erscheint im Tagesspiegel]

 

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