Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.05.2018 von Robert Klages

Sollte es in Berlin wirklich zu einem Revival der Hausbesetzer*innenszene kommen, würde eine Band sicher gerne den Soundtrack spiegel: Die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot. Zehn Jahre nach der letzten Platte präsentiert die 19-köpfige Berliner Blaskapelle am 1. Juni ihr neues Album: „Macht zur Frage“. Saxophone, Trompeten, Posaunen, Hörner, Tuba, aber auch Flöte und Klarinetten interpretieren mit Punkgitarre, Schlagzeug und vielen Sänger*innen (als Gäste die Schauspieler Maren Eggert und Jörg Pose) Klassiker der Moderne und moderne Klassiker, Politisches und Tanzbares. Punk, russische Popmusik, seltene Eislerstücke und weitere Superhits sind Programm auf dem fünften Album der Kapelle.

1986 in Ostberlin als „politisches Eingreiforchester“ gegründet, haben sie Erich Honecker überlebt. Im geeinten Deutschland haben sie Helmut Kohl überlebt. Was ihre Musik können soll: Fragen stellen. Provokant, untergründig, der Antworten selbst nicht sicher. „Macht zur Frage, was Ihr verändern wollt!“ Zum Beispiel der Titel „Wir sind prinzipiell dagegen“ – eine Reaktion auf die Verhaftung von Mitgliedern von Pussy Riot – erklärt Punk zum Statement für die Meinungsfreiheit. Die lustvolle ukrainische Tanznummer „Kiew 1986“ fragt nach dem Verbleib der Liebsten in einem fröhlichen Wechselspiel aus Vorwurf und Verworfenheit.

Bei Liedern wie „Schlag sie tot“ muss man das Tanzbein doch arg zurückhalten. Ein makaberes Lied zu einem schwungvollen Rhythmus. Die eigenen Kinder, „Judenbengel, Negerfratzen, Weiße, Kurden, Türken, Anarchisten, Rechtsanwälte“ – alle sollen totgeschlagen werden. Ein Favorit für den nächsten Echo also? Ach ne, gibt es ja nicht mehr. Und natürlich handelt es sich um ein Lied von Georg Kreisler, in Österreich geboren und u.a. aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938 in die USA emigriert. Bekannt durch seinen Chanson „Tauben vergiften im Park“. Ein Künstler mit großer Leichtigkeit und großem Biss. „Es gibt wohl kaum jemand der so genau hinschaut und so exakte und geniale Texte zu unserer heutigen Zeit geschrieben hat“, sagt die Kurkapelle. Das Material, das sie von ihm verwenden und in eine neue Form pressen, stammt aus den 70er Jahren. Kreisler sei ein Meister des Sarkasmus und ein großer Freund der Menschen. Sein Song „Schlag sie tot“ sei in diesem Sinne ein Lied für die Menschen und zum genauen Zuhören.

Ihren 30. Geburtstag feierte die Kurkapelle in der Volksbühne, Auftritte zu geschichtlich relevanten Tagen wie dem Ende der NS-Diktatur gehören fest zum Bandprogramm. Die Record Release Party steigt am 1. Juni um 20 Uhr im Frannz Club.

Foto: Frank Johannes

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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