Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.08.2018 von Robert Klages

Es war auf einer Lesung im Heinrichtreff im Juni, das Weitlingkiez-Kollektiv hatte geladen. Ich nahm schon das dritte Jahr in Folge als Autor von Kurzgeschichten daran teil, es ist mir immer wieder eine Freude. Diesmal waren zudem Ruth HerzbergMareike Burmeister und Insa Kohler eingeladen worden. Es gab Bratwurst und Gott persönlich lauschte unseren Geschichten, gehört der Heinrichtreff doch zu einer Kirchengemeinde. Im Anschluss an die Lesung wurde Reggae-Musik gespielt. Doch diese machte Ruth Herzberg aggressiv, wie sie uns mitteilte. „Das ist alles so lasch, so auf 100 Prozent gute Laune gedreht, so Kiffermusik.“

Auch ich spürte es; ein erstaunliches Phänomen: Diese mutmaßlich entspannend klingende Mukke machte mich zornig. Vielleicht war es auch die Dissonanz aus Sound und Umgebung; der Kirchturm nebenan, das Bratwurst-Gebrutzel und die seichten Karibik-Wellen des Reggaes. Die Lesung war vorbei, die meisten Leute schon gegangen. Bevor sich unser Zorn weiter steigerte, unternahm Herzberg etwas:

Sie spielte Musik von Finch Asozial. Er rappt darüber, dass er aus dem Osten kommt. Es geht ums Saufen, Vögeln, um deine Mutter, und Wessis, die kleineren Penisse haben. Herzberg hat den Musiker mal für „den Freitag“ porträtiert – und war dafür im Weitlingkiez. Im Video zu seinem Rapsong „Ledersklave Frederik“ fährt er auf einer Schwalbe durch das Weitlingsviertel.

Herzberg schreibt, Asozial stehe für eine Region. Für den Osten. „Der Rapper hat seine Gegner gezwungen, sich mit seiner Welt zu befassen.“ Ein Nachbar also, gleich hier neben der Kirche. Wir lauschten dem teilweise ironischen, streckenweise brachialen Sprechgesang – und der Zorn verschwand. Auch den Weitlingkiez-Leuten gefiel, was sie da hörten. Auch, wenn es hart klingt:

„Väter fahrn mit ihren Söhnen nicht auf Segelyachttrips / weil Vater lieber hacke vorm Rewe-Markt sitzt / Die Art wie wir reden / zu hart und zu streng / trägt das Herz auf der Zunge / ja man sagt was man denkt / Frankfurt Oder, Berlin, Fürstenwalde /  Vaterliebe wird ersetzt durch eine Gürtelschnalle.“ (Ein Auszug aus der Hymne „Ostdeutschland“)

Das ganze Porträt über Asozial könnt ihr hier lesen: freitag.de . Asozial selbst möchte derzeit nicht mit mir über Lichtenberg quatschen. Er konzentriert sich gerade nur auf sein Album, sagt er.

Apropos Herzberg: Wo sind eigentlich die Literaturagent*innen in Berlin? Ich hab die Kurzgeschichten-Autorin nun schon öfter lesen gehört, war auch mal als Leser zu Gast auf ihrer Lesereihe „Die Surfpoeten“ in Pankow. Das ist witzig, was sie da macht. Aber verursacht nicht so ein blödes Schenkelgeklopfe, wie so viele Lesebühnentexte. Ich würde ein Buch voll mit Kurzgeschichten von ihr kaufen als Ansichtsexemplar entgegennehmen. Sie schreibt im Grunde so, wie sie den Rap von Asozial beschreibt: Sie wird ihre Leser*innen dazu zwingen, sich mit ihrer Welt auseinander zu setzen. Der Link zum Glück, nicht nur für Literaturagent*innen, wenn es diese denn geben sollte: „Frau Ruth, Blicke auf die seltsame Welt.“

Foto: Screenshot Youtube / „Richtig Saufen“

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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