Nachbarschaft

Veröffentlicht am 08.04.2019 von Pauline Faust

Jörg Lohmann besitzt ein Grundstück in Karlshorst, es liegt am Hönower Wiesenweg oder vielleicht bald teilweise auf der Straße. Denn diese soll breiter werden: Von 8 auf 15 Meter erweitert. Somit würde die Straße über das Grundstück führen, so sieht es ein Bebauungsplan des Lichtenberger Bezirksamts vor. „Warum soll man eine Straße zu meinen Lasten erweitern, wenn man dies auch anders lösen kann?“, ärgert sich Lohmann, denn rund um sein Grundstück gibt es eine Brachfläche.

Auf dem freien Areal in Karlshorst soll die „Parkstadt“ entstehen. Der Privatinvestor Bonava plant einen Gebäudekomplex mit 1000 neuen Wohnungen, einem Kindergarten und einer Schule. So viele Menschen müssen sich auch fortbewegen, deshalb soll der Hönower Wiesenweg zu einer befestigten Straße ausgebaut werden. Jörg Lohmann ist einer der wenigen in direkter Nachbarschaft. Neben seinem Haus stehen auf seinen rund 4700 Quadratmetern vor allem ein Gewerbehof mit Büroräumen und Garagen, die der 60-Jährige vermietet. Dazu gehört eine große Autowerkstatt, an einer Ecke würde die neue Straße auch sie schneiden. Da die Wände das Dach tragen, kann die Halle auch nicht teilweise zurückgebaut werden. „Mit dem Ausbau wäre die Werkstatthalle betroffen und somit Herr Lohmanns Existenzgrundlage“, heißt es in einem Vermerk des Bezirksamts von 2015.

„Der Hof ist mein Lebenswerk“, sagt Lohmann, der viel Zeit und Geld in Renovierungsarbeiten gesteckt hat. Das Gelände hatte er zunächst zur Hälfte gemietet und dann 2010 gekauft. Einen Verkauf an die Bonava lehnte er vor einigen Jahren schon ab. Er sieht seine Verantwortung gegenüber den Gewerbetreibenden: „In Lichtenberg wird viel plattgemacht für Wohnungen, da haben kleine Gewerbe es schwer“, sagt er. Zudem seien die Angebote der Bonava auch nicht ernsthaft gewesen: „Einmal haben sie mir ein wesentlich kleineres Objekt zum Tausch angeboten. Bei der Besichtigung durfte ich Wohnhaus und Keller nicht betreten. Sie konnten mir auch nicht sagen, wem das Grundstück gehört“.

2016 kontrolliert das Bezirksamt die Nutzungserlaubnisse für das Grundstück. Ein Gespräch mit Mitarbeiter*innen des Bezirksamts erzeugt bei Lohmann den Eindruck, er müsse eine Nutzungsänderung beantragen: „Ich sagte damals: Schauen wir mal. Etwas später bekomme ich ein Protokoll, in dem meine Zusage steht.“ Eine Nutzungsänderung könnte aber abgelehnt werden und würde den Bestandsschutz der gewerblichen Nutzung aufheben. Lohmann legte Widerspruch gegen das Protokoll ein – eine neue Nutzungserlaubnis muss er nicht beantragen.  „Für mich fühlt sich das so an, als wolle man Druck aufbauen“, resümiert Lohmann seine Erfahrungen.

Warum wird eine Straße überhaupt über ein Privatgrundstück geplant? Den Bebauungsplan erstellt der Bezirk, die Bonava sieht sich deshalb nur als Umsetzer: „Die Parkstadt Karlshorst wird ein ganzes Netz von Straßen durchziehen, die allesamt auf unserem Grundstück entstehen. Der städtebauliche Vertrag sieht darüber hinaus vor, dass der Wiesenweg ausgebaut wird. Dies wollen wir umsetzen und halten uns hier an die Vorgaben der Stadt“, erklärt eine Sprecherin. Derzeit wartet das Unternehmen auf den Bezirksamtsbeschluss zur Abwägung der Öffentlichkeitsbeteiligung, einige Karlshorster*innen hatten Einspruch eingelegt – Jörg Lohmann gehört zu ihnen. Die Bonava möchte weiterhin sein Grundstück oder Teile davon erwerben: „Wir sind derzeit in Gesprächen mit dem Grundstückseigentümer und sind zuversichtlich, dass wir eine einvernehmliche Lösung finden“.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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