Nachbarschaft

Veröffentlicht am 13.05.2019 von Robert Klages

In Hohenschönhausen treffe ich Paul Scraton. Britischer Autor. 40 Jahre alt, einen Tag vor unserem Treffen war sein Geburtstag. Schnell gratuliert, dann laufen wir über den Friedhof neben dem Sportforum in der Konrad-Wolf-Straße. Hier spielt ein Kapitel aus seinem neuen Buch „Built on Sand“. Ein Roman über Berlin, gerade erschienen –  bisher erst auf Englisch. Der britische Verlag sucht derzeit einen deutschen Verlag für eine Übersetzung.

Auf dem Friedhof stellen wir fest, dass alle Gießkannen mit Fahrradschlössern angekettet sind. Das ist so üblich, die Schlösser teurer als die Plastikprodukte. Warum kann man sich nicht mehrere Gießkannen teilen? Stattdessen gibt es viele Ständer voll mit angeschlossenen Gießkannen, fast schon surreal. An eine Gießkanne wurde zudem eine kleine Harke mit einem dünnen Zahlenschloss gesichert, wie man es für Laptops kaufen kann, um diese in der Uni oder im Café zu sichern, wenn man kurz weg geht.

In Pauls Buchkapitel spielt hier, klar, eine Beerdigung. Es geht um drei Männer und ihre Freundschaft in der DDR und nach der Wende. Markus, Otto und Konrad. Ein Künstler, ein Lehrer … und Markus war bei der Stasi. Als Jugendliche fahren sie zusammen als Teil einer Fußballmannschaft auf ein Turnier nach Minsk. Nach der Wende versuchen sie, ihre Freundschaft wieder aufzubauen.

Ein Buch über Berlin, das nicht nur in Kreuzberg oder Neukölln spielt. Sondern auch in Marzahn, Hohenschönhausen, Reinickendorf. „Das gehört ja auch zu Berlin“, befindet Paul. „Auch in den meisten Reiseartikeln existiert fast nur Kreuzberg, das sollte sich ändern.“ Sein Buch ist kein Reiseartikel, aber solche hat Paul auch geschrieben. Für „Slow Travel Berlin“ zum Beispiel, hier ein Spaziergang durch Hohenschönhausen. Im „Coffee Station“ gegenüber vom Friedhof bestellen wir zwei Kaffee für zusammen 3,60 Euro. Recht günstig. „Ja, das ist hier nicht der Ku’damm“, sagt der Verkäufer.

Paul ist 2002 nach Berlin gekommen. Aufgewachsen ist er in der Nähe von Liverpool („Mit Jürgen Klopp ist es super derzeit, auch, wenn er noch keine Titel gewonnen hat.“). In Leeds hat Paul „international studies“, Geschichte und Politik studiert und ist anschließend durch Europa gereist. In einem Café am Rosenthaler Platz hat er gearbeitet und dort auch Katrin kennengelernt.

Eigentlich wollte er nur sechs Monate in Berlin bleiben – nun sind 17 Jahre draus geworden, 2006 wurde seine Tochter geboren. 2009 hat er angefangen, die „walking tours“ für „slow travel“ zu schreiben. 2014 hat er ein Buch über die Panke geschrieben, ist den Fluß 32 Kilometer abgelaufen. Und er will bleiben, sie wollen sich ein Haus in Brandenburg kaufen. Denn eigentlich wollte er nie in einer großen Stadt leben. „Aber Berlin ist entspannter als London oder Paris zum Beispiel. Hier gibt es viel mehr Grünflächen, auch in der Stadt.“

Spaziergang durch die Konrad-Wolf-Straße: Passenderweise lädt das Bezirksamt dazu ein, diese Gegend näher kennen zu lernen. Am Samstag, 18. Mai. Start ist um 10 Uhr am Hohenschönhauser Tor am Weißenseer Weg 35. In der KW-Straße gibt es noch zahlreiche unbebaute Flächen. Das Bezirksamt möchte daher folgende Fragen beantworten: „Was wird gebaut? Wie kann die Konrad-Wolf-Straße zu einer attraktiven Einkaufsstraße werden? Was ist für das Gelände rund um die Gedenkstätte geplant? Werden mehr Ampeln und eine höhere Frequenz der Straßenbahnen gebraucht? Kann die Insel im Obersee erhalten werden?“

Diese und andere Fragen werden Politiker*innen sowie Mitarbeitende aus den Fachämtern des Bezirksamtes beantworten. Michael Grunst (Die Linke), Bezirksbürger*innenmeister und Wilfried Nünthel (CDU), Bezirksstadtrat der Abteilung Schule, Sport, Öffentliche Ordnung, Umwelt und Verkehr vertreten an diesem Tag die Bezirkspolitk. Der Rundgang erfolgt mit Audioguides. Diese werden von 9 bis 9.50 Uhr am Hohenschönhausener Tor ausgegeben. Das Pfand beträgt 10 Euro. Eine Vorlage des Personalausweises ist auch notwendig. Die Anzahl der Audioguides ist auf 100 beschränkt. Der Spaziergang endet gegen 13 Uhr an den Orankesee-Terrassen in der Orankestraße 41 und ist für Rollstuhlfahrende geeignet.

Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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