Nachbarschaft

Veröffentlicht am 03.06.2019 von Robert Klages

Feministischer Hip-Hop von Stasisöhnen: Zu Besuch bei den Rapper*innen von „Ostberlin Androgyn“ – dem Gegenentwurf zu westdeutschem Aggro-Hip-Hop.

Zehnte Etage, die Fahrstuhltür ist noch kaum geöffnet, da drückt sich schon der Geruch von Marihuana herein. Zahlreiche Proberäume, dicht an dicht, einen langen Flur entlang in der Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg, Industriegebiet: Hier treffen sich auch „Ostberlin Androgyn“, bestehend aus Kanye Ost, Spoke und Gregor Easy. Sie verstehen sich als krasser Gegenentwurf zu Aggro-Rap, besonders geprägt durch „Westberlin Maskulin“ zwischen 1997 und 2000, einer Kombo aus den Rappern Kool Savas und Taktloss.

„Hip-Hop ist Musik von unten und sollte nicht auf die Schwachen draufhauen“, meint Kanye Ost, der sich nach dem weltbekannten US-Rapper und Millionär Kanye West benannt hat. „Schwule und Lesben, das sind keine Feindbilder.“ Er verstehe nicht, warum Rap mit diskriminierenden Texten so erfolgreich sein kann. Klar, er habe das als Jugendlicher auch gefeiert, und wenn man die Texte bei Westberlin Maskulin rausnehmen würde, dann wäre das auch gute Musik.

Aber mit seinen Antifa-Friends in Ostberlin konnte er das nicht hören, das ging einfach nicht. Er wird kurz nachdenklich, der dumpfe Bass und das Gebrüll einer Heavy-Metall-Band sind zu hören, die proben im Raum nebenan. So ähnlich ging es auch Spoke:

„Wenn man nicht über Huren rappt, wird man als Rap-Weichei empfunden“, sagt die 39-Jährige. Hip-Hop sei immer noch stark männerdominiert, obwohl sich das langsam ändern würde, meint sie. Besonders die Strukturen der Labels, da sei es für männliche Rapper einfacher, durchzustarten. „Ostberlin Androgyn“ haben noch kein Label, aber mit „EQ:booking“ eine Hamburger Agentur, die Diversität in der Musikindustrie fördern möchte.

Ihre Texte sind auch geprägt durch ihre Herkunft. „Berlin-Hohenschönhausen, das geht nicht wieder raus“, meint Kanye Ost. Sein Vater war bei der Stasi, was ihn bis heute begleitet und beschäftigt. Als Studierender der Geschichte hat er versucht, sein Familientrauma aufzuarbeiten. „Denn so, wie meine Familie die Geschichte beschreibt, so konnte es nicht gewesen sein. Ich musste das Bild durch eigene Studien vervollständigen.“

Der Vater von Gregor Easy war bei der NVA, nach der Wende ist er Alkoholiker geworden, sie haben sich seit 10 Jahren nicht mehr gesehen. Easy war nach der Wende Hip-Hop-Punker. Aufgewachsen sind beide am Prerower Platz, als dort noch ein Konsum-Markt stand, heute heißt es „Lindencenter“.

Als die Mauer fiel, war Gregor Easy fünf Jahre alt. Zusammen mit seinem älteren Bruder haben sie Mauerstücke rausgehauen und für eine Mark verkauft. Er erzählt von seiner Schulzeit in Hohenschönhausen und den Nazis, die ihn einmal durch den halben Bezirk gejagt haben, nachdem er sie provoziert hatte. „Das Gefühl von Ohnmacht und Angst ist hängengeblieben“, sagt er heute. „Ich musste hart arbeiten, um Selbstbewusstsein zurückzubekommen.“

Bei Kanye Ost war das ähnlich. „Damals haben die Nazis die Straße beherrscht“, erzählt der 32-Jährige. Und heute, wenn er unter der Ringbahnbrücke herlaufe, dann sei er manchmal wieder in diesen Gefühlen der Jugend gefangen. Auch deswegen ist er nach Friedrichshain gezogen, ebenso wie Gregor Easy. „Die Nazis sind back, aber ich hab mich versteckt.“ So heißt es in einem der Liedtexte.

„Du beleidigst mich als Stasisohn, aber es ist mir egal“, an anderer Stelle. Die beiden haben, bevor sie sich 2016 zum Rap orientiert haben, die Lesebühne „Couchpoetos“ in Friedrichshain initiiert.

In Lichtenberg haben sie mit Ostberlin Androgyn erst ein Mal gespielt, zur „Langen Nacht der M8“. „Das war bisher unser Beitrag zum Aufbau Ost“, lacht Gregor Easy und reicht den dritten Joint weiter. Auch das Kiffen wird in ihren Texten thematisiert. Heute, meint Kanye Ost, würde man nicht mehr so viele Nazis auf der Straße sehen, keine Springerstiefel – „aber so viele Menschen hier wählen AfD, so viel besser ist das nicht.“ Es sei hier „bürgerlich rechts“ geworden, ergänzt Spoke.

Auch der derzeit wohl erfolgreichste Rapper Deutschlands, Capital Bra, ist hier in Hohenschönhausen aufgewachsen. Ostberlin Androgyn hat immerhin schon mal auf dem Fusion-Festival gespielt, dazu diverse Auftritte deutschlandweit. „Wenn wir in Hamburg spielen zum Beispiel, dann fallen wir schon auf als Ostberliner. In Berlin hingegen merkt das kaum jemand“, sagt Kanye Ost.

Spoke ist 2001 nach Berlin gekommen, hat hier auch Geschichte studiert. „Die queere Szene und die Hausbesetzerszene in Berlin haben mich angezogen, da wollte ich hin.“ Sie hat vorher in Kassel Musik gemacht. Nun wird sie bald ein Studio in Kreuzberg beziehen, dann ist auch für Ostberlin Androgyn Schluss in Lichtenberg.

„Obwohl der Ort schon prägend ist für unsere Aufnahmen“, meint Spoke. „So umgeben von Plattenbauten, das gehörte dazu. Mal sehen, wie es in Kreuzberg wird.“

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Foto: Mike Wolff

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