Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.10.2019 von Robert Klages

Das ist Josef Parzinger. Er ist 26, studierter Sozialpädagoge und seit Kurzem der neue Platzmanager für den S-Bahnhof Lichtenberg. Sein Ziel: „die Entschärfung des Brennpunktes in Richtung bestmöglicher einvernehmlicher Koexistenz“. Langfristiges Ziel: „die Installation von Strukturen, die den sozialen Frieden zwischen den verschiedenen Interessensgruppen nachhaltig sichern“. Parzinger soll vermitteln, zwischen den Bewohner*innen des Obdachlosencamps, den Nutzer*innen des Bahnhofs, den Gewerbetreibenden, der Polizei, der Deutschen Bahn und den Anwohner*innen. Immer wieder kommt es zu Beschwerden: vor dem Döner-Imbiss versammeln sich Trinker*innen, Passant*innen fühlen sich belästigt.

Zudem wird es bald Winter: Die Obdachlosen brauchen eine Unterkunft. Und der Bahnhof wird kein Kältebahnhof mehr werden. Viele Anwohner*innen setzen große Hoffnungen in das neue Platzmanagement. Sie wollen, dass es dort ruhiger wird, viele fordern die Räumung, der Bezirk ist strikt dageben („Das verschiebt die Problematik zur, ändern nichts daran“). Auch die Obdachlosen hoffen auf einen Mittelsmann, sie wünschen sich einen Safe Place oder andere Möglichkeiten, wollen ihre „Platte“ am Bahnhof nicht so einfach verlassen.

Parzinger hat eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht, sagte er am Donnerstag beim Pressefrühstück, als er gefragt wurde, was er zuvor so gemacht habe und sonst so mache. Was Parzinger der Presse nicht verriet: Er war Landtagskandidat der Jusos in Traunstein. Dort firmierte er als Sepp Parzinger. Seine Website „sepp-parzinger.de“ hat er am Donnerstag gelöscht. Auf Nachfrage sagte er dann, er wolle dazu keinen Kommentar abgeben. Nur so viel: Seine Website sei schon alt gewesen und er habe erst jetzt festgestellt, dass die noch online sei. Er sei jetzt bei den Jusos ehrenamtlich tätig und das habe nichts mit seinem neuen Job als Platzmanager zu tun. Deswegen habe er dies bei dem Pressegespräch auch nicht erwähnt.

Parzinger ist einer von neun stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Jusos in der SPD. Link.Bundesvorsitzender ist bekanntlich Kevin Kühnert. Für den Job in Berlin hat sich Parzinger als Sozialpädagoge beim Humanistischen Verband beworben. Ein Sprecher des linksgeführten Bezirksamts von Bürger*innenmeister Michael Grunst (Linke) sagte, der Bezirk habe erst nach der Einstellung von Parzinger von dessen Juso-Ehrenamt erfahren. Man habe es zunächst nicht an die große Glocke hängen wollen. „Für uns ist wichtig, dass er qualifiziert ist für den Job. Alles andere ist ihm überlassen“, so der Sprecher.

In Bayern wollte Sepp Parzinger nicht mehr kandidieren. Weder für Landtag noch Landrat, wo ihn die örtliche SPD favorisierte. „Nach der sehr anstrengenden Kandidatur für den Landtag und seinem kurzzeitigen Ortswechsel nach Berlin, wo für ihn beruflich ein neuer Lebensabschnitt beginne, sei die Landrats-Kandidatur für ihn kein Thema mehr gewesen“, schreibt die Passauer Neue Presse. Vom Juso-Sepp zum Platzmanager-Josef also … will sagen:

Willkommen in Lichtenberg, lieber Josef, viel Glück für deinen neuen Job, toll, dass du da bist. An dieser Stelle auch liebe Grüße an unsere neuen Leser*innen von der bayerischen SPD, die Parzinger auf Twitter alles Gute wünschten. Florian Ritter (SPD), Mitglied des Bayerischen Landtags, zum Beispiel, der sich auch gleich einen kleinen Diss an Tübingens rechts-grünen OB Boris Palmer nicht verkneifen konnte. Zurück nach Lichtenberg:

Parzinger sagt: „Der Auftrag ist klar: gemeinsame Lösungen zu finden. Als Ansprechpartner bin ich da.“ Er sieht sich als „wandelnder Kommunikator zwischen den Interessensgruppen, mit Mittlerfunktion und brückenbildendem Auftrag“. Der Bezirk finanziert nun für zwei Jahre die Stelle und anfallende Sachkosten mit 50.000 Euro. Derzeit wohnt Parzinger in Pankow. Seine Stelle ist erstmal auf zwei Jahre begrenzt.

Zu erreichen ist er unter: j.parzinger@hvd-bb.de. Einen Elektroschocker trägt er übrigens nicht bei sich (Die B.Z. hatte gefragt). „Mit sowas arbeitet man nicht in der Sozialarbeit“, sagte Parzinger.

„Sein Job ist nicht, die Obdachlosen zu vertreiben“, sagte BM Grunst am Donnerstag. „Im Gegenteil: er soll einen sozialen Ausgleich schaffen.“ Hilfe bekommt er vom Tagestreff für Wohnungslose und Bedürftige und der dortigen Chefin Maria Richter. Der Tagestreff bietet dreimal Essen am Tag, Kleidung, Duschen, Waschmaschinen, Trockner, einen Zahnarzt und einen Allgemeinmediziner. Richter erzählt, dass sich die Notunterkünfte mehr für Klienten mit Hunden oder schwerem Gepäck öffnen würden. Dies ist bisher ein großes Problem, da viele Obdachlose nicht ohne ihre Hunde sein wollen.

Laut Bezirk halten sich am Bahnhof aktuell tagsüber bis zu 80 Personen auf, rund 30 Personen nutzen den Raum vor und um den Bahnhof als Schlafplatz. Es komme zu Konflikten im öffentlichen Raum:

  • Lärmbelästigung, besonders spätabends und nachts
  • subjektiv beschriebene allgemeine Angst-Atmosphäre
  • problematischer öffentlicher Drogen- und Alkoholkonsum, insbesondere mit Vorbildwirkung auf Kinder
  • Vermüllung des Platzes und damit verbundem Attraktivitäts-Verlust
  • Hygiene am Platz

Ein runder Tisch „Bahnhofsnutzung“ soll installiert werden. Teilnehmende: u.a. Interessensvertreter*innen, Platzmanagement, Streetwork, Stadtteilkoordination, Ordnungsamt, Polizeiabschnitt.

Regelwerk für Platznutzung: Es werden unter Einbezug aller Interessensgruppen ein Regelwerk vereinbart und entsprechende Sanktionen festgelegt, die durch die ordnungspolitischen Akteure umzusetzen sind. Beispiele: Sauberkeit/Hygiene (Aufstellen eines Müllcontainers, entsprechender Zugang zu Sanitäranlagen). Vorgabe: Müll ausschließlich in die Container, kein Urinieren außerhalb der Sanitäranlagen. Sanktion: Bei Verstoß gegen die Vorgaben Platzverbot. Foto: Robert Klages

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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