Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.06.2020 von Masha Slawinski

Seit acht Jahren lebt Philipp Ahrens im Weitlingkiez. Einmal die Woche sitzt er bei IKEA hinter der Kasse. Außerdem arbeitet er für den Abgeordneten Stefan Taschner (Grüne) und ist Kreisvorsitzender der Grünen Lichtenberg.

Warum bist du nach Lichtenberg gezogen? Damals war das keine bewusste Wahl. 2011 wollte ich mit meinem Mann zusammenziehen. Wir haben beide in WGs in Friedrichshain gewohnt, da war aber nichts mehr bezahlbar. Dass es dann Lichtenberg wurde, hat sich einfach so ergeben, weil wir uns in die Wohnung, die wir angeguckt haben sofort verliebt haben. Wir hatten Glück, dass kein anderer sie wollte und haben sie bekommen. Damals war Lichtenberg noch nicht so beliebt. Das hat sich über die Jahre verändert.

Wie war es 2012 in Lichtenberg? Ich will nicht das Klischee vom Nazi-Kiez bedienen, aber im Weitlingkiez, wo ich wohne, gab es damals schon noch einige Anlaufpunkte für Nazis. Als wir ein paar Tage hier gewohnt haben, sind wir über die Straße gelaufen und jemand hat seinen Hund gerufen – er hieß Hitler. Und das war halt schon so: “Okay, herzlich willkommen in deiner neuen Nachbarschaft.” Ich habe ein bisschen gebraucht, um warm zu werden. Heute mag ich Lichtenberg aber total gerne, denn es gibt hier auch eine Menge Leute, die sich für Demokratie und eine offene Gesellschaft engagieren.

Wie hat sich Lichtenberg gewandelt? Ich würde sagen: stetig. Es haben andere Läden aufgemacht, es wurden viele neue Häuser gebaut und Baulücken geschlossen. Es sind neue Menschen hergezogen. Klar, mit Sicherheit sind auch viele verdrängt worden. Nicht ohne Grund ist der Weitlingkiez Milieuschutzgebiet. Das zeigt, dass die soziale Zusammensetzung bedroht ist. Das ist die negative Seite. Aber positiv ist, dass es jetzt zum Beispiel ein Café gibt, wo ich mich wohl fühle und gerne hingehe oder den Krimibuchladen „Totsicher“ in der Margaretenstraße. Oder auch alteingesessene Geschäfte, zum Beispiel Radelkowski, da finde ich es auch ganz angenehm.

Was ist dein liebster Ort? Ich finde es an der Rummelsburger Bucht wunderschön, weil man da am Wasser sein kann. Ich mag auch den Landschaftspark Herzberge, weil es da mitten in der Stadt Schafe gibt und Natur. Der Blockpark in dem wir hier sitzen, ist auch schön. Oder die Bar Schwalbenschwanz. Davor gab es in meinem Kiez keine Kneipe in die ich, besonders zusammen mit meinem Mann, gerne gegangen bin.

Du bist Kreisvorsitzender der Lichtenberger Grünen, arbeitest bei IKEA und für den Lichtenberger Abgeordneten Stefan Taschner. Wie kam es dazu? Mein Engagement bei den Grünen hat viel damit zu tun, dass mir der Bezirk so ans Herz gewachsen ist, 2013 war ich das erste Mal bei den Lichtenberger Grünen. Ich habe nette Leute getroffen und wollte politisch was bewegen, so bin ich da hängengeblieben. Seit Anfang des Jahres arbeite ich bei Stefan Taschner und kümmere mich um die Wahlkreisarbeit hier in Lichtenberg. Seit Mitte April betreue ich auch den Themenbereich Radverkehr berlinweit, denn Stefan Taschner ist radverkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion Berlin. Aufgrund meiner neuen Arbeit, arbeite ich in meinem alten Job bei IKEA Lichtenberg nur noch wenig. Aber es ist immer ein schöner Arbeitsweg zu IKEA, mit dem Rad durch den Landschaftspark Herzberge, auch wenn er natürlich noch schöner wäre, wenn ich als Radfahrer auch sicher auf einem geschützten Radweg durch die Siegfriedstraße kommen könnte. Seit Jahren probiere ich, besonders was das Thema Fahrrad angeht, politisch was zu bewegen.

Und funktioniert das? Leider sitze ich nicht in der BVV und kann mich nicht mit Anträgen einbringen. Aber ich kann Stellung beziehen, kritisieren, was nicht so gut läuft. Wenn nächstes Jahr Wahlen sind, will ich auf jeden Fall für die Grünen in die BVV, um näher dran zu sein, mitzudiskutieren und abstimmen zu können. Im Moment kommentiere ich immer vom Spielfeldrand, was auch wichtig ist, weil wir Grüne im Moment nur zwei Bezirksverordnete haben. Richtig gut wird es erst, wenn du eine Stimme hast, die bei den Entscheidungen in der BVV mitzählt.

Wieso liegt dir das Thema Radverkehr so am Herzen? Als Radfahrer merke ich stark, wie schlecht die Radwege sind oder teilweise total fehlen. Nicht so weit weg von hier sind die Lückstraße und der Nöldnerplatz: Ein Horror für alle Radfahrenden! Da musst du extrem gut aufpassen, dass dich kein Auto mitnimmt. Mir ist es wichtig, dass Infrastruktur so gebaut wird, dass sie Menschen schützt und ihnen auch Fehler verzeiht. Da liegt im Radverkehr noch einiges an Arbeit vor uns.

Foto: privat

 

+++ Das ist ein Beitrag aus dem Leute-Newsletter für Lichtenberg. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

+++ Die Themen der Woche:

  • Uneinigkeit über den Schulneubau in der Parkstadt Karlshorst
  •  Ärger über die neue Radspur entlang der B1/Alt-Friedrichsfelde 
  • Ab dem 20. Juli unterstützt ein Team der Bundeswehr das Lichtenberger Gesundheitsamt
  • Zwei Jahre Mobilitätsgesetz: Fridays for Future Lichtenberg fordert eine fahrradfreundliche Stadt
  • Ausflugstipp für den Sommer von Bezirksbürger*innenmeister Michael Grunst
  • Freie Plätze an der Schostakowitsch-Musikschule