Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.07.2020 von Masha Slawinski

Ronny Hering hat zwei Jahre mit der Emma, seinem Sportboot, auf der Rummelsburger Bucht gelebt. Bis vor kurzem war er Teil des Ankerverbandes Lummerland, den es jetzt nicht mehr gibt.

Wie hat es dich aufs Wasser gezogen? Den ersten Kontakt hatte ich in jungen Jahren, mit Kanutouren. Das hat mir tierischen Spaß gemacht und das habe ich regelmäßig wiederholt. Zurück zum Wasser kam ich vor acht Jahren über einen Bekannten, mit einem holländischen Stahlboot, etwa acht Meter lang. Das haben wir für über ein Jahr restauriert und saniert; danach sah es aus wie neu, obwohl es aus den Siebzigern stammte. Ich habe gemerkt, dass mich auf dem Wasser sein komplett entschleunigt: Man kommt runter vom normalen Alltag, geht in die pure Natur und merkt wie gehetzt man sonst durch das Leben geht. Das hat mir das Bootfahren wieder gezeigt. Dann habe ich ein paar Lummerländer im Sisyphos kennengelernt.

Wann war das? Das war im August 2017. Sie haben ein paar Freunde und mich eingeladen und gefragt, ob wir mit aufs Wasser kommen wollen, um eine Party zu machen. Wir haben uns direkt gut verstanden, es war eine Verbindung da, eine Insel voller Freigeister. Den Sommer 2017 habe ich dort verbracht. Zu der Zeit habe ich auch meinen Job in der Industrie aufgegeben, weil es eine Ausbeuterfirma war, ohne vernünftiges Betriebsklima. Stattdessen wollte ich mich in Oranienburg mit Technik-Reparaturen selbständig machen, weil ich technisch sehr versiert bin und es da noch keine großartige Konkurrenz gibt.

Und dazu ist es nicht gekommen? Als ich kurz davor war, bin ich nochmal in mich gegangen. Ich habe mich gefragt: Ist das wirklich das, was du dein Leben lang machen willst? Als Selbständiger muss man eine Idee haben, die man bis zu seinem Lebensende durchziehen will, ohne schon am Anfang zu zweifeln. Deswegen entschied ich mich dagegen. In einem Gründungsseminar habe ich einen Kumpel kennengelernt, mit dem ich einen Tag vor meinem Geburtstag zusammen ein Boot gekauft habe, die Emma. Kurz darauf sind wir mit drei-vier Booten zur Fusion gefahren. Ich wäre am Liebsten gar nicht mehr zurück nach Berlin gefahren. Eine traumhafte Natur ist das in Meck-Pomm und Brandenburg, wie gemalt, du entdeckst immer wieder was Neues. Das war wunderschön. Das wird mich mein ganzes Leben lang begleiten – Freiheit pur.

Jetzt bist du wieder auf dem Weg in die Selbständigkeit, mit dem “Neomat”. Was ist das? Neomat ist der Übergriff von umgebauten und gestalteten Automaten. Meist sind es Zigarettenautomaten, aber auch andere, wie Kaugummiautomaten oder ehemalige Snackautomaten. Aus ihm soll man kleine Boxen für acht bis zehn Euro ziehen können. In jeder Box ist jeweils ein Hochglanzdruck von Künstler*innen. Das Originalbild kann man auf der Homepage erwerben. Außerdem soll es einen QR-Code geben, für ein Lied oder DJ-Set, dann Aufkleber oder Fotos von Berliner Streetart-Künstler*innen. Außerdem kleine Handwerkskunst, wie handgefertigte Holzketten, beispielsweise aus alten Skateboards. Dann auf jeden Fall von mir selbst gestaltete Kunstwerke in Form von Aufklebern, Buttons und Bilder, z.B. aus Kork. 

Zwei Jahre warst du Teil von Lummerland. Warum hat es sich aufgelöst? Wir haben beschlossen, dass wir alle unsere eigenen Wege gehen wollen. Hin und wieder sind Dinge verschwunden und das Gemeinschaftsgefühl war nicht mehr so stark. Du musst Dir vorstellen: Lummerland hing an einem großen Anker. An ihm war die Sauna, Vodoun, befestigt. Früher war die Phönix an dem Anker befestigt, am Ende dann die Sauna. Ein Inselbewohner, der den Anker zum Teil finanziert hatte, schenkte diesen einem ehemaligen Lummerland-Bewohner. Eigentlich war der Anker etwas Gemeinschaftliches, denn er wurde ja von allen Lummerland Bewohnern genutzt und gebraucht. Aber als er dann an jemanden weitergegeben wurde, hat das Prinzip der Gemeinschaftlichkeit nicht mehr funktioniert. Der Besitzer hat den Anker mit einer Machete durchgeschnitten und die Insel weggetrieben. Mittlerweile liegen einige Boote alleine oder im Ankerverband. Lummerland sollte frei von Hierarchien sein und das hat der neue Ankerbesitzer nicht verstanden. Darum gab es für Lummerland keine Zukunft mehr.

Wie geht es Dir damit, dass etwas, das so lange Bestandteil von deinem Leben war, jetzt weg ist? Das ist auf jeden Fall eine große Umstellung… Also nee, eigentlich doch nicht. Eigentlich habe ich es kommen sehen. Es hat sich angedeutet, dass es in die falsche Richtung geht, deswegen habe ich mich schon etwa zwei Monate davor mehr auf meine eigenen Projekte konzentriert. Ich war zwei Jahre da, komplett im Winter und im Sommer. Aber am Ende habe ich mich distanziert. Ich habe gemerkt, das kostet mir zu viel Kraft und diese Kraft habe ich lieber in meine eigenen Werke gesteckt.

Was hast du mitgenommen von der Zeit? Wir sind alle gleich und sobald sich jemand über jemand anderen stellt, geht dadurch schnell eine Gemeinschaft kaputt. Mitgenommen habe ich viel: schöne Momente, wunderschöne Momente, wo wir einfach das Leben und die pure Freiheit genossen haben. Im Hier und Jetzt gelebt, ohne an morgen zu denken, und viele tolle Menschen kennengelernt. Und die Menschen bleiben ja. 2018 war ein wundervolles Jahr und nur wunderschöne Menschen, es gab keinen Stress und nichts Negatives. Wir waren um die 20 Leute und alle cool miteinander. Obwohl hier so viele verschiedene Charaktere, Menschen waren, die unterschiedliche Herkünfte hatten. Genau das haben wir daran gefeiert.

Foto: Saskia Uppenkamp

 

 

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