Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.10.2020 von Pauline Faust

Vielleicht haben Sie sie schon öfter im Hausflur gegrüßt oder im Supermarkt getroffen: Menschen, die spannende Geschichten auf Lager haben. Ohne sie anzusprechen, erfahren wir aber nicht, was unsere Nachbar*innen erlebt haben. Als mir neulich eine gute Freundin von ihrer Nachbarin Gerda Ewald berichtete, konnte ich gar nicht anders, als nach einem Gespräch zu fragen. Mit ausreichend Abstand trafen uns ein wenig später in Ewalds Wohnung in Friedrichsfelde.

Aus einer Schublade im Wohnzimmerschrank holt sie alte grau-grüne Papierordner. In ihnen verwahrt Gerda Ewald Erinnerungen an ihre Karriere: Zeitungsartikel, Fotos und Auszeichnung für Leistungen für „den sozialistischen Journalismus“. Auf ihre Ehrennadel musste sie etwas warten, sagt Ewald, die Kultur kam oft hinter den anderen Ressorts, wenn es um Auszeichnungen ging: „Wir konnten ja so viel falsch machen.“ In den 60er-Jahren leitet Gerda Ewald das Kulturressort der Berliner Zeitung. Zu dieser Zeit zieht sie in einen Plattenbau in Friedrichsfelde, dort wohnt sie heute noch.

Gerda Ewald wird noch vor dem Zweitem Weltkrieg, im Jahr 1931 geboren und wächst in Halle auf. Nach dem Abitur arbeitet sie zunächst als Sekretärin und möchte unbedingt Journalistin werden. Deshalb fängt sie bei der Regionalzeitung an, später wird sie zum Studium der Journalistik zugelassen. Wie bei vielen Berufen zu DDR-Zeiten, konnte Ewald sich nach dem Studium nicht einfach einen Arbeitsplatz aussuchen. Sie bekam drei Orte vorgeschlagen und entschied sich in Cottbus zu arbeiten – weil es am nächsten an Berlin ist, wo sie eigentlich sein wollte. Diesen Wunsch unterstützt auch ihr ehemaliger Chefredakteur aus Halle, Horst Sindermann. Sindermann ist mittlerweile ein hoher SED-Funktionär. Bei einem Fest in Cottbus erzählt Ewald ihm ihren Wunsch: „Dem Sindermann habe ich gesagt: Es ist schön hier, aber hier will ick nicht sterben.“ Das Gespräch lohnt sich: 1961 kann sie bei der Berliner Zeitung im Kulturressort anfangen, später leitetet sie es.

Ewald genießt die Freiheiten, die ihre Arbeit mit sich bringt. Sie kann Auslandsreisen unternehmen und große Kulturveranstaltungen besuchen. Sie zeigt ein Foto von der Kunstaustellung Dresden. Der Staatsratsvorsitzender der DDR, Walter Ulbricht steht mit seiner Frau Lotte vor einem Ausstellungsobjekt, hinter ihnen hat sich eine kleine Gruppe Menschen angesammelt, unter ihnen auch die Journalistin. „Lotte Ulbricht regte sich fürchterlich über das gezeigte Glasgeschirr auf – das fand ich daneben“, sagt Ewald, „ich habe dann gesagt: Das ist mal wieder typisch: Die jungen Leute lieben das und können es nicht kaufen, weil hier niemand eine Ahnung hat.“ Kurz darauf klopft ihr ein Mann auf die Schulter: „Da nahm mich einer von der Kultur vom Zentralkomitee beiseite und sagte: ‚Mensch, sei leise, wenn das einer hört‘. Das werde ich nie vergessen!“

Auch an die Redaktionskonferenzen in Berlin kann sich Gerda Ewald gut erinnern. An der Kultur sei immer besonders viel kritisiert worden: „Den einen war das politisch nicht richtig, den anderen zu doof, keine Ahnung hatten die Leute.“ Wenn ein Artikel einmal nicht auf der politischen Linie der SED war, wurden die Redakteur*innen zum Chefredakteur oder seinem Vertreter zitiert. „Das war nicht mit Krach und Bumm, sondern eher eine seichte Mahnung“, sagt Ewald. „Die beiden mussten ja auch ihren Kopf für uns hinhalten.“ Angst vor einer Entlassung hatte die Journalistin nicht, weil gutes Personal damals knapp war. Sie habe es auch nicht auf einen Konflikt angelegt: „Ich wollte keine Revolution starten oder mich schlauer dünken als ich war.“

Ein Schicksalsschlag zwang Gerda Ewald Anfang der 70er Jahre, ihre Karriere umzudenken: Ihr Mann starb unerwartet. „Als Alleinerziehende mit einem kleinen Kind konnte ich keine Tageszeitung produzieren“, sagt sie. Sie arbeitete dann noch eigne Zeit für „Das Magazin“, einem sehr beliebten Heft in der DDR, mit der Wende ging sie in Rente. Ihre journalistische Neugierde hat sie aber nicht verloren, auch wenn sie altersbedingt viel Zeit in ihrer Wohnung verbringt. Am liebsten liest sie dann den „Stern“.

Foto: Privat

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