Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.11.2020 von Paul Lufter

Spunk Seipel ist in Nürnberg aufgewachsen und lebt seit 30 Jahren in Berlin. Der Künstler wohnt derzeit in dem Residenzprojekt der Lichtenberg-Studios, von wo aus er regelmäßige Streifzüge durch den Bezirk unternimmt.

Kurz nach der Wende kam Seipel zum Studieren nach Berlin. „Und weil alle nach der Wende in Berlin leben wollten“, ergänzt er. Seitdem hat er bereits in vielen Ecken der Stadt gewohnt, vor allem aber im Osten. Aktuell wohnt er eigentlich in Neukölln, bis zum 13. Dezember ist er aber noch in den Lichtenberg-Studios einquartiert. Dort ist er vorerst der letzte Bewohner, jedenfalls, bis die Frage geklärt ist, wie es mit den Studios weitergeht. Am 12. November war den Studios überraschend vom Bezirksamt gekündigt worden. Die Kündigung ist zwar inzwischen wieder vom Tisch, aber die Unsicherheit ist geblieben. Alles Weitere dazu lesen Sie unter „Namen & Neues“.

„Ich war früher schon oft in Lichtenberg und habe dort Clubs besucht“, erzählt Seipel. Seitdem er in Berlin lebt, hat er als Künstler und Kurator viele Projekte in der ganzen Stadt betreut. Nach seinem Einzug in die Studios am vergangenen Montag, ist Seipel viel zu Fuß und mit dem Rad durch den Bezirk gestreift. „Ich finde Lichtenberg sehr spannend“, erzählt er. Durch die Pandemie sei es gerade besonders ruhig. „Es gibt viel weniger Verkehr als sonst. Das hilft mir, mich beim Malen zu konzentrieren und alles ohne Ablenkung in Ruhe in mich aufzunehmen.“

„Ich bin selber in einer Platte in Nürnberg aufgewachsen und vergleiche deshalb gerne die beiden Gegenden miteinander.“ Und was fällt ihm dabei besonders auf? „Die Gebiete in Lichtenberg sind viel größer und die Bauten viel höher“, erklärt Seipel. „Früher gab es in Lichtenberg außerdem weniger Grünflächen. In Nürnberg wurde das immer ‚Parkwohnen‘ genannt, wenn es zwischen den Plattenbauten Grünflächen gab. Das hat sich in den letzten Jahren hier sehr gewandelt.“ Der Bezirk sei viel grüner und hübscher geworden. „Es gibt viel neue Bausubstanz. Das hat dem Bezirk gut getan.“

„Alle wollen immer weite Reisen unternehmen, um andere Welten zu entdecken, dabei muss man dafür nicht weit weg,“ beklagt Seipel. In einem Bezirk wie Lichtenberg gäbe es schließlich so viel zu sehen und zu entdecken. „Lichtenberg ist so abwechslungsreich, schon allein was die Architektur angeht. Ich wusste auch gar nicht, wie groß der Bezirk ist. Malchow gehört ja auch noch dazu. Es ist schade, dass selbst viele Berliner*innen das nicht sehen.“ Aber woran liegt es denn seiner Meinung nach, dass sich so wenige Menschen auf den Weg nach Lichtenberg machen?

Vor allem Vorurteile sind laut Seipel ein Problem. Als er in Kreuzberg arbeitete, hätten viele seiner Kolleg*innen die Nase über den Bezirk gerümpft. „Die waren der Meinung, dass es dort eintönig und wenig bunt sei. Dabei ist der Bezirk so viel bunter geworden.“ Auch das Leben im öffentlichen Raum hat sich nach Seipels Beobachtung verändert. „Die Leute sind hier viel mehr unterwegs als früher.“ Trotzdem liegt der Fokus vieler Künstler*innen von außerhalb immer noch auf dem Zentrum Berlins. Dort angekommen führt der Weg eher selten nach Lichtenberg. Seipel ist der Meinung, dass die Lichtenberg-Studios jedoch den nötigen Anreiz dafür bieten könnten.

„Die Studios sind in der Szene sehr bekannt und die Plätze sehr begehrt, gerade wegen der Möglichkeit, den Bezirk zu erkunden und Interventionen zu machen“, erklärt Seipel. Interventionen sind in gewisser Weise vergleichbar mit Street-Art. Meist wird dabei ein Bild oder eine Skulptur ohne Ankündigung im Bezirk platziert. Diese Kunstwerke können dann von Passant*innen entdeckt werden. Seipel hofft deshalb, dass die Kündigung wirklich vom Tisch ist. Das ist jedoch nicht der einzige Grund. Wenn alles gut läuft und Corona ihm kein Strich durch die Rechnung macht, will Seipel nach seinem Aufenthalt in Lichtenberg nach Tschechien.

Dort betreut er in der Stadt Krásná Lípa die Künstler*innenresidenz Divus/Narodni Galeri. Eigentlich war eine Kooperation zwischen den beiden Residenzprojekten geplant. „Sobald die Corona-Krise vorbei ist, wollen wir einen intensiven Austausch mit den Lichtenberg-Studios beginnen.“ Er hofft, dass dies nach den Gesprächen zwischen dem Bezirk und den Studios in der kommenden Woche möglich sein wird.

Foto: Petrov Ahner

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

 

+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Lichtenberg entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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