Nachbarschaft

Veröffentlicht am 22.02.2021 von Robert Klages

Das Mies van der Rohe Haus will Weltkulturerbe werden. Denn genau das sei es bereits, nur eben noch nicht offiziell, sagt der Historiker Fritz Neumeyer, den ich am Haus in der Oberseestraße 60 treffe (Foto).

Klar, Mies van der Rohe, der weltbekannte Architekt, und das für den Privatbesitz von ihm erbaute „Haus Lemke“ in Lichtenberg locken jährlich 25 000 Besucher*innen an. Es ist das letzte von ihm entworfene Wohnhaus in Deutschland vor dessen Emigration in die USA 1938. Neumeyer ist im Beirat des Fördervereins, sein ersten Buch über Mies van der Rohe von 1986 ist gerade auf Chinesisch erschienen. An diesem Donnerstag werden vor Ort Videos gedreht:

„Mies goes Future“ soll „das Haus in die Zukunft bringen“. Künstler*innen und wichtige Personen äußern sich – die Veröffentlichung ist eigentlich noch für Februar geplant, erzählt mir Wita Noack, Direktorin des Hauses. In zehn Jahren, so sagt sie, habe das Haus nicht nur mehr Geld, sondern auch „die Anerkennung, die ihm gebührt“. Ausstellungen und Tagungen soll es geben und die Räume nicht mehr auch als Büros, sondern ausschließlich als Museum genutzt werden. Neumeyer findet, es gebe keine bessere Adresse, um das geistige und architektonische Erbe Mies van der Rohes zu aktivieren und zu archivieren.

Im Garten des Hauses soll ein Info-Kasten sowie ein Café errichtet werden – es fehlt nur noch die Genehmigung vom Bezirk. Dieser unterstützt das Mies van der Rohe Haus eigentlich, Bürger*innenmeister Michael Grunst (Linke) war bei der Gründung des Fördervereins im Januar 2020 zugegen und zeigte sich „beindruckt“, wie er in einem Grußwort schreibt.

Aber eignet sich Mies van der Rohe als deutsches Weltkulturerbe? Wie bei so vielen Künstler*innen seiner Epoche muss sein Wirken zur Zeit des Nationalsozialismus thematisiert werden. Die Koryphäe Nummer Eins zu Mies van der Rohe, Fritz Neumeyer, kann viel über den Architekten schwärmen, aber Fragen zur dessen politischen Einstellungen hat er nicht so gerne. Dabei veröffentlichte Neumeyer gerade erst ein neues Buch, herausgegeben in der Schriftenreihe des Mies van der Rohe Hauses: „Ausgebootet: Mies van der Rohe und das Bauhaus 1933“. Es beschäftigt sich mit einer Frage, die „bisher kaum näher betrachtet worden ist“, so der Architekturhistoriker. Nämlich: Was hat Mies im Zeitraum zwischen der Versiegelung der Räumlichkeiten des Bauhauses in Dessau durch die Nazis am 11. April 1933 und der endgültigen Auflösung des Bauhauses am 20. Juli 1933 gemacht?

Die Antworten im Buch sind ebenso interessant wie harmlos. Mies van der Rohe unternahm Bootstouren mit seinen verbliebenen Studierenden, die ihm nach Berlin gefolgt waren. Zur Schinkel-Villa in Potsdam zum Beispiel. Mies van der Rohe sei kein politischer Mensch gewesen, so Neumeyer. „Er wollte nicht die Welt verbessern, sondern Häuser bauen.“ Zu seinen Studierenden habe er einmal gesagt: „Wollt ihr studieren oder Politik machen?“ Die Architektur seiner Zeit habe van der Rohe als zu politisch überfrachtet erachtet, erzähl mir Neumeyer weiter, während er sich in seine Lieblingsecke im Haus Lemke stellt. Und van der Rohe habe „Linke Architektur-Dogmen“ abgelehnt. „Tabus im Rahmen einer politischen Korrektheit fand er zuwider. Er war ein unabhängig denkender Geist. Alles, was mit -ismen endete, lehnte er ab, weil es zu dogmatisch ist. Genau das sage ich auch meinen Studenten“, sagt Neumeyer, der bis 2012 an der TU Berlin Professor für Architekturtheorie war.

„Das Baugenie war so politisch wie ein Sack Zement“, heißt es in diesem Spiegel-Text von 1989, der sich auf die etwas Mies-kritischeren Ergebnisse amerikanischer Forschung stützt. „Dennoch (oder gerade deshalb) bekam er Ärger, mit Rechten und mit Linken.“ Nun ist es so, dass man sich zwar unpolitisch geben, aber nicht unpolitisch sein kann. Alles ist politisch. Auch der Zement: Mies van der Rohe soll aufsässige kommunistische Studierende ebenso entfernt haben wie heimlich gehisste Hakenkreuzfahnen. Motto: „Mich interessiert nicht, ob der Mann, der den Zement mischt, Nazi oder Kommunist ist. Mich interessiert lediglich, ob er guten Zement macht.“

Daraus kann man schließen, dass er sich seinen Zement auch von einem Nazi mischen lassen würde. Bekannt ist, das er ein Treuebekenntnis zu Adolf Hitler unterzeichnet hat. Ebenso wie Ernst Barlach und Emil Nolde. Für Neumeyer eine Art „Akt der Ergebenheit“. Gebracht hat es ihm nichts, denn die Nazis versiegelten sein Bauhaus in Dessau. Mies van der Rohe hatte keine Aufträge mehr. „Man wusste zu der Zeit noch nicht, wie sich Hitler auf die Architektur auswirken würde“, erzählt Neumeyer. Wichtig sei, dass Mies van der Rohe das Bauhaus aufgelöst hatte, bevor es von den Nazis geschlossen wurde. Er habe mit ihnen verhandeln wollen. Als Grundbedingung, um überhaupt Gespräche über die Zukunft des Bauhauses führen zu können, hätte van der Rohe jüdische und linke Mitarbeiter*innen entlassen müssen, so die Forderungen der Nazis. Da habe der Architekt nicht mitgemacht, sagt Neumeyer mit Blick auf den noch leicht zugefrorenen Obersee hinter dem Mies van der Rohe Haus. In dem Haus werde man, so Neumeyer, von der Architektur und jeglichen Dogmen nicht belästigt – „ein Meisterwerk“.

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