Nachbarschaft
Veröffentlicht am 03.01.2022 von Masha Slawinski
„Die Arbeit macht mir Spaß“. Heute lernen Sie in der Nachbarschaft Ingo Fehlow, den Betreiber von „Doris‘ Papierladen“ kennen. 2001 übernahm er den Laden in der Weitlingstraße 44. Das Geschäft trägt immer noch den Namen seiner Vorgängerin: Doris Schulz. Sie hatte den Laden 1987 eröffnet, wollte sich aber nach 23 Jahren von der Selbstständigkeit und den Herausforderungen, die sie mit sich bringt, verabschieden. Mittlerweile ist sie verstorben.
Dass Fehlow mal der Betreiber eines Schreibwarenladens wird, war nicht absehbar. Zwanzig Jahre arbeitete er als Kraftwerker bei Vattenfall. Als der Konzern 1999 anfing, massiv Stellen abzubauen, blieb er noch ein halbes Jahr und entschied dann, sich kündigen zu lassen. Von der Abfindung übernahm er den Laden von Doris Schulz. Seitdem betreibt er die Filiale gemeinsam mit seiner Frau, Monika Fehlow. Sie teilen sich die Ladenschichten.
Eine Hilfskraft einstellen wollen die Fehlows nicht: “Die Verantwortung für Personal möchte ich mir nicht aufladen”, sagt Fehlow. Denn die “Unwägbarkeiten dieser Zeit” seien einfach zu riskant für einen kleinen Kiezladen wie Fehlow ihn betreibt. Beim ersten Lockdown mussten die Fehlows sechs Wochen schließen. Beim zweiten Lockdown durften sie offenbleiben, da Papierläden zur Grundversorgung zählen. Allerdings wussten davon nur die wenigsten.
Seine anfängliche Furcht vor dem Umsatzverlust bestätigte sich nur bedingt: “Als erstes dachte ich ‚um Gottes Willen, das überleben wir nicht.‘ Aber dann wurde mir klar: Zwar habe ich keine Ware verkauft, aber ich musste auch keine neue einkaufen”, sagt Fehlow. Somit habe nur der halbe Umsatz gefehlt.
Die Schreibwarenlandschaft hat sich in den letzten zwanzig Jahren ausgedünnt. Früher bestellte Fehlow gemeinsam mit anderen Papierläden, um durch das Bündeln an den Lieferkosten zu sparen. “Von den acht Filialen sind sieben weggebrochen”, sagt Fehlow – was für ihn allerdings auch weniger Konkurrenz bedeutet.
Wie alle Kiezläden ist der Laden vom Online-Handel bedroht. Die Menschen kommen gerne zu Fehlow und lassen sich bezüglich eines guten Füllers beraten. Kaufen tun sie dann aber per Mausklick. “Ich mach die Beratung, der Kunde kauft im Netz”, sagt Fehlow. Für seinen Umsatz ist es aber wichtig, hin und wieder ein hochwertiges Schreibgerät zu verkaufen. Gut läuft es mit dem Verkauf von kleinteiligen Schreibwarenartikeln wie Radiergummis und Schulheften. “Wegen der Versandkosten scheiden Onlinehändler da eher aus”, sagt Fehlow.
Was für den Einzelhandel Weihnachten bedeutet, ist für Fehlow der Beginn der Schulzeit. Die Digitalisierung sei, wenn es um den Verkauf von Schulmaterialien geht, noch nicht so stark bemerkbar. Aber ihm ist klar: “Je digitaler die Schule wird, umso weniger Papier wird gekauft”. Solange Kinder aber noch handschriftlich schreiben lernen, mache er sich da keine Sorgen. Generell wirkt Fehlow, als würde er sich nicht allzu viele Sorgen machen. Er kennt die Risiken und Schwierigkeiten seiner Branche, aber für ihn scheint es machbar. Oder wie er es sagt: ”Ich werde von diesem Laden niemals reich werden, aber die Arbeit macht mir Spaß”.
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