Nachbarschaft

Veröffentlicht am 17.01.2022 von Robert Klages

„Bordsteinlyrik“ heißt das erste Buch von Eric Ahrens, 1986 in Ost-Berlin geboren, aufgewachsen in Lichtenberg. Letztes Jahr hatte ich eine gemeinsame Lesung mit ihm im Baiz, zu der niemand kam. Während draußen vor der Kneipe die monatliche Protestradtour „Critical Mass“ vorbeifuhr, unterhielten wir uns. Ab und zu mussten wir aus dem Fenster schauen, die halbe Bar stand vor der Tür, es kam zu Auseinandersetzungen.

Ein Autofahrer wollte wohl nicht länger warten, bis die Rad-Demo vorbei geradelt war und fuhr einfach rein. Daraufhin musste er sich von den Radler:innen einiges anhören und da er aggressiv wurde, rief jemand die Polizei. Die angebrauste Streife jedoch zeigte viel Verständnis für ihn und wenig für die protestierenden Radfahrenden.

Eric Ahrens arbeitet im „Dies ist kein Kino“-Kino in der Boxhagener Straße in Friedrichshain, das auch eine sehr gute DVD-Auswahl hat. Es ist wohl die letzte Filmkunstvideothek der Stadt. Ich habe dort früher Filme von Luis Buñuel und mehr ausgeliehen. Die Filme sind nach Regisseur:in und Land sortiert, es gibt Filme, die man sonst nur schwer findet.

Sein neues Buch spielt teilweise in der Videothek. „Splitter aus der Unterschicht“ ist jetzt neu bei „Bleading Heart Nihilist Books“ (BHN) erschienen, einem sehr interessanten Underground-Verlag in Berlin („Independent publishing house for underground poetry and outsider literature.“). Ahrens zeichnet Umrisse einer Dekade aus dem Abflusssieb des Alltags. Gesammelte kurze Abrisse, Momentaufnahmen, Wutausbrüche, Gesprächsreste, die Ahrens auch seit Jahren auf seinem Instagram-Profil veröffentlicht.

Unterhaltungen in der Videothek, in die Schulkinder, Säufer:innen, kichernde Mädchen und sogar ein ehemaliger Abgeordneter reinkommen. Es handelt sich um Marian Krüger von den Linken, der jeden Tag irgendeinen Film ausleiht, egal was. Ich habe Ahrens mal gebeten, für uns etwas über seine Zeit in Lichtenberg zu notieren. Wie immer, wenn man Literat:innen fragt, ist es viel zu lang geworden. Aber ich finde, es lohnt sich zu lesen:

„Geboren wurde ich in Berlin-Mitte. Dort lebten meine Eltern mit mir auch einige Jahre. Direkt vor unserem Fenster stand die Mauer. Als sie fiel, konnten wir vom Balkon aus zuschauen. Anfang der 90er trennten sich dann meine Eltern, und meine Mutter und ich zogen nach Lichtenberg zu meinem Stiefvater.

Drei Mal wechselten wir in derselben Straße die Wohnung. Damals konnte man sich das noch leisten, auch wenn man unterste Mittelschicht war. Die Straße lag in der Nähe vom Freiaplatz. Eine ruhige Wohnsiedlung. Wir hatten einen riesigen Hof mit Spielplatz und viel Wiese. Die Nachbarschaft kannte sich, kam gut miteinander klar und man feierte gemeinsam große Feste.

Während meiner Grundschulzeit gab es einen Wohnkomplex, der zum Heim für Geflüchtete der Jugoslawienkriege wurde. Daraus kamen zwei Kinder in unsere Klasse. Ein Junge und ein Mädchen. Beide fanden keinen Anschluss. Meine Mitschüler und auch ich fanden sie befremdlich. Nicht dazugehörig. Und von den Erwachsenen und Lehrern kümmerte sich auch niemand darum, daran was zu ändern. Die Integration und ein Miteinander zu fördern. Es erklärte uns auch keiner darüber auf, was sie durchmachen mussten und was in ihrem Land passierte.

Und das war nicht nur in der Schule so. Das Misstrauen und die Ignoranz gegenüber den Geflüchteten war immens. Dass mein Umfeld und Lebensraum ein starres und konservatives Weltbild hatten, spürte ich in abgeschwächter Form am eigenen Leib. Denn ich interessierte mich weder für Fußball, noch war ich gut in Mathe. Mein Stiefvater hatte große Probleme mit mir, da ich nicht dem typischen Bild eines Jungen entsprach.

Ich las lieber Bücher und interessierte mich für paranormale Phänomene. Mitte der 90er war ich riesiger Fan der Serie Akte X. Mein Kinderzimmer war gepflastert mit Postern von Ufos und Aliens. Mein Hobby galt in Familie und Umfeld als höchst eigenartig. Niemand konnte oder wollte meine Faszination verstehen. Das änderte sich Anfang der 2000er auch nicht, als ich anfing, sehr viel schwarz zu tragen und mich mit Horrorfilmen zu beschäftigen. Meine Mutter hatte sich inzwischen von meinem Stiefvater getrennt und wir zogen ein paar Querstraßen weiter.

In der Siegfriedstraße gab es damals eine kleine Videothek, wo ich Stammgast war. Täglich lieh ich mir zwei bis drei Filme aus. Ich erinnere mich noch gut, wie ich meine Mutter bequatschte, mir eine Erlaubnis zu schreiben, damit ich „Blade“ ausleihen konnte, der FSK18 war. Das tat sie dann auch und ich ergänzte neben den Filmtitel einfach „…und alle anderen Horrorfilme“. Ich dachte, es sei einen Versuch wert. Natürlich erkannte man die Schummelei, aber der Videothekar mochte mich, und so hatte ich endlich freien Zugang zu der Welt des Horrors.

Auf der Oberschule blieb der Status als Sonderling. Damit hatte ich mich längst abgefunden. Ich hörte Manson und Nine Inch Nails, interessierte mich für die düstere Seite der Menschheit und färbte mir die Haare schwarz. Es gab vielleicht ein oder zwei andere Leute in der ganzen Schule, die das auch taten. Aber die waren auch ein paar Klassen über mir. In meiner Stufe war ich der Einzige. Ständig musste meine Mutter zum Lehrergespräch und erklären, was denn mit mir los sei.

Dabei hatte die Schule ganz andere Probleme. Auf Klassenfahrten kam es meistens zu Eskalationen. Türen wurden rausgerissen, es gab Prügeleien, Saufereien und hin und wieder wurde ein Hakenkreuz-Graffiti auf den Asphalt gesprüht. Obwohl die Gewalt bei vielen Schülern an der Tagesordnung war und es auch richtige kriminelle Gangs gab, wurde ich nie zum Opfer. Es gab immer Momente, die kurz davor waren, aber ich konnte ein paar von ihnen mit meinem Humor bestechen und hatte somit Immunität. Besonders bei den russischen Mitschülern hatte ich Eindruck hinterlassen. Ob sie mehr über mich als über meine Witze lachten, weiß ich nicht. Ich genoss nur die Sicherheiten.

Obwohl damals Lichtenberg noch als Nazi-Hochburg galt, erlebte ich selten direkten Kontakt mit ihnen. Irgendwie hatte ich einen guten Instinkt und konnte ihnen immer entwischen. Man kannte halt die Läden und Ecken, wo sie sich aufhielten und machte einfach einen Bogen drum. Ab und zu flogen mir zwar Sprüche wie „dreckige Zecke“ zu, aber dabei blieb es auch. So wie ich damals aussah, hätte das auch ganz anders ausgehen können.

Ansonsten mochte ich es, in Lichtenberg zu leben. Die Straßen waren ruhig und man hatte es nicht weit bis zu den aufregenden Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg. Heute noch fahre ich oft durch Lichtenberg, einfach um mir die alten Ecken anzuschauen und zu sehen wie sich der Bezirk verändert hat. Manche Straßen sind noch gleich und es überkommt mich der wohlige Schauer der Nostalgie. Die Zeit scheint dort stehengeblieben zu sein.

Andere Orte haben alles verloren. Sehen überhaupt nicht mehr aus wie damals. Gebäude wurden platt gewalzt und neu gebaut. Auch die Videothek ist längst verschwunden. Klingelschilder tragen andere Namen. Und ich muss mich stark konzentrieren, um die Bilder in den Kopf zu kriegen, wie das alles mal aussah.“

  • Eric Ahrens: „Splitter aus der Unterschicht“. Lyrik, Deutsch, 184 Seiten. BHN Books. 12 Euro. Bestellen.
  • Foto: privat
  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de