Nachbarschaft

Veröffentlicht am 19.04.2022 von Masha Slawinski

Jette Nietzard ist 23 Jahre alt und ganz schön engagiert. Sie arbeitet ehrenamtlich als Mitglied des Lichtenberger Kreisverbands der Grünen und setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein. Dass sie sich dort einsetzt war für Jette Nietzard folgerichtig: 2019 zog sie nach Lichtenberg, um näher an ihrer Uni in Hellersdorf zu wohnen. Den Bezirk kannte sie davor noch nicht. Ihr Studium zur Erzieherin hat sie mittlerweile beendet.

Du hast vor Kurzem dein Studium beendet – was machst Du momentan? Gerade arbeite ich am Hauptbahnhof bei der Geflüchtetenhilfe für einen sozialen Träger aus Lichtenberg. Dort koordiniere ich die kurzzeitige Kinderbetreuung, wenn Eltern beispielsweise gerade Fahrkarten kaufen müssen.

Wie kommst Du zu den Themen, für die Du dich einsetzt? Ich sehe was für Probleme in der Welt abgehen und probiere dann etwas daran zu ändern, wenn ich den Eindruck habe, dass die Politik nichts gegen bestimmte Probleme unternimmt. Mich hat’s zum Beispiel aufgeregt, dass es in Lichtenberg keine kostenfreien Menstruationsartikel gab, deswegen habe ich probiert etwas zu verändern und gemeinsam mit anderen Frauen die AG Faire Periode Lichtenberg gegründet. Im letzten Jahr haben wir bereits erreicht, dass zwölf Automaten für kostenlose Menstruationsartikel in Lichtenberg aufgehängt wurden.

Welche Themen beschäftigen Dich sonst in Lichtenberg? Auch wenn ich die Kommunalpolitik für sehr wichtig halte, liegen mir vor allem landespolitische Themen am Herzen, die dann aber natürlich direkte Auswirkungen auf Lichtenberg haben. Dabei möchte ich die Themen Feminismus und Kinder verbinden. Beispielsweise setze ich mich für geschlechtergerechte Spielplätze ein: Je älter Mädchen werden, desto weniger gehen sie auf Spielplätze. Das liegt unter anderem daran, dass Mädchen öfter jüngere Geschwister betreuen müssen und der Spielplatz in Bereiche für Ältere und Jüngere geteilt ist. Das heißt, die Mädchen bleiben bei ihren Geschwistern und können selbst nicht spielen.

Was wären Maßnahmen für geschlechtergerechte Spielplätze? Zum Beispiel mehr Schaukeln und Bänke. Die Schaukeln sind meistens für Kleinkinder konzipiert, dabei schaukeln ältere Mädchen auch gerne. Außerdem muss heranwachsenden Mädchen ein stärkeres Gefühl von Sicherheit an den Plätzen vermittelt werden, denn ihnen wird ein ganz anderes Sicherheitsbedürfnis anerzogen als den Jungs. So ist es für ein Mädchen zum Beispiel eher ein bedrohliches Gefühl, wenn sie auf ein großes, eingezäuntes Fußballfeld geht, das nur einen Ausgang hat. Natürlich wäre es besser, wenn es gar nicht erst solche Bedenken seitens der Mädchen geben müsste, aber das ist nunmal die gesellschaftliche Realität.

Du kämpfst für soziale Gerechtigkeit – das klingt ganz schön anstrengend. Wolltest du schon mal hinschmeißen? Auf jeden Fall. Es gab Momente da dachte ich, puh ich brauche mal eine Pause. Zum Beispiel wenn ich sehe, dass viele Menschen sich für Gutes einsetzen und die Bundesregierung dann letztendlich was anderes entscheidet. Aber dann gibt es wieder neue Themen, wo ich merke, dass ich dringend was verändern möchte, weil es sonst niemand macht. Ich hoffe, die Welt dadurch besser machen zu können.

Online bist Du viel bei Twitter aktiv. Hast du mit Hate zutun? Meine erste richtige Hate-Welle kam durch die Bild-Zeitung. Ich war in der Wahlkampfzeit in einer Grundschule. Die Kinder dort haben mich krasse Sachen gefragt, zum Beispiel, warum Schwarze Menschen diskriminiert werden. Das habe ich sehr verkürzt getwittert. Die Bildzeitung hat das dann aufgegriffen und so getan als würden die Grünen Kinder instrumentalisieren, weil sie nicht glauben konnten, dass Kinder eben genau die richtigen und wichtigen Fragen stellen.

Wie hast Du auf den Hate reagiert? Also erstmal habe ich sehr lange geheult. Aber ich hatte gute Freund*innen, die mir unter die Arme gegriffen haben. Mir war es dann vor allem wichtig zurückzuschlagen, also nicht einfach stumm zu bleiben gegenüber einem Mann, der denkt, er könne mich klein machen. Es sollte nicht so weit kommen, dass junge Frauen im Internet angegriffen werden, nur weil sie sich politisch engagieren. Letztendlich habe ich dadurch, dass dumme Männer versucht haben mich kleinzureden sogar gewonnen: Ich habe mehr Follower*innen, bin bei Twitter verifiziert und kann meine Botschaft besser in die Welt senden.

Was empfiehlst Du Menschen, die sich engagieren wollen? Überlegt einfach, was euch nervt und fangt genau an dem Punkt an, was zu ändern. Wenn ihr euch beispielsweise in der Geflüchtetenhilfe engagieren wollt, kommt zum Bahnhof, egal wann ihr Zeit habt. Um zu helfen, muss man keiner Partei beitreten. – Foto: privat

 

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