Nachbarschaft
Veröffentlicht am 25.11.2024 von Dominik Lenze

Im Einsatz für den Spatz: Wie eine Vogelfreundin aus Lichtenberg den Abriss des Jahnstadions verhindert hat. Es rollten schon die Bagger an, doch Anfang Oktober stoppten Naturschützer:innen den geplanten Abriss des Jahn-Stadions im Nachbarbezirk Pankow. Dieser könnte sich nun um ein ganzes Jahr verzögern. Eine wichtige Rolle hat dabei die Lichtenbergerin Caroline Seige gespielt: Seit Jahren kämpft sie für Spatzen und andere Vögel, deren Nester durch Bauarbeiten, Heckenrodungen und eben auch Abrisse bedroht sind.
Den Jahn-Sportpark kenne sie seit Jahren. Dass dort Vögel nisten, wusste sie bereits. Als der Umbau im Gespräch war, begann sie gemeinsam mit einem Anwohner die Vogelnester auf dem Gelände zu kartieren.
131 Brutplätze hat Seige auf den beiden Tribünen des Stadions entdeckt. „Da gab es große Haussperlingskolonien, der Hausrotschwanz hat dort genistet und auch der Star“, berichtet sie. Neun verschiedene Fledermausarten, die im Jahn-Stadion wohnen, hat sie dort auch noch entdeckt.
Eine bei Vögeln beliebte Niststelle befindet sich laut Seige am Dach der Westtribüne: „Unter dem Dach befinden sich Hohlräume – da gehen die Gebäudebrüter rein”, sagt sie. Spatzen, also Haussperlinge, mögen dunkle Hohlräume, Hausrotschwänze bevorzugen offenere Nischen, erklärt sie. Bei Fledermäusen sei das ganz ähnlich.
Der Grund, weshalb sich Vögel ausgerechnet in den Nischen und Hohlräumen eines Sportstadions so wohlfühlen, liegt in ihrer Anpassungsstrategie: Vor hunderten von Jahren folgten die Vögel dem Menschen, denn an menschlichen Gebäuden war es meist sicher, warm und es gab genug Nahrung in der Nähe. „Früher haben die Spatzen an Felsen gelebt, heute ist die Stadt ihr Gebirge”, sagt Seige.
Um die Gebäudebrüter zu entdecken, braucht es ein geschultes Auge – und vor allem eines: Geduld. „Manchmal hängt zum Beispiel etwas Nistmaterial aus der Wand heraus“, erklärt die Vogelfreundin. Am sichersten entdeckt man die oft unbemerkt bleibenden gefiederten Mitbewohner, wenn man in der Brutzeit der Vögel die Augen offen hält: „Dann fliegen sie aus und ein“, so Seige. Besonders schwierig zu identifizieren seien Fledermäuse: „Da braucht es eine Rufaufzeichnung mit Ultraschall, wenn man es genau wissen will“, sagt sie.
Dass sie sich durch ihr Engagement auch mal unbeliebt macht, nimmt Seige nur allzu gern in Kauf: „Sicher nerve ich, trete manchem auf die Füße und mache mir auch Feinde. Aber was Vögel und ihr Leben in der Stadt angeht, besteht immer noch viel Aufklärungsbedarf“, sagt sie. Man müsse Natur und Stadt gemeinsam planen. Auch der Mensch profitiere davon, wenn man Tiere und ihre Bedürfnisse beim Bauen mitdenkt, sagt sie.
Was den Vogelschutz in Lichtenberg angeht, zeigt sie sich zufrieden. „Ich glaube, es gibt keinen Bezirk, wo so viele Nistkästen hängen”, lobt die Vogelfreundin. Zudem habe der Bezirk eine Meldedatenbank für Gebäudebrüter, wo Leute angeben können, wo in ihrer Nachbarschaft Vögel nisten, sodass sie bei eventuellen Bauvorhaben berücksichtigt werden können.
Auch im Bezirksamt freut man sich offenbar über die heimische Vogelschützerin. Am Sonntag (1.12.) bekommt Seige den ersten Tierschutzpreis des Bezirksamtes. Die Vorschläge für Nominierungen wurden bis zum vergangenen August gesammelt.
- Foto: Ivan Polezhaev
- Alles zum vorerst gestoppten Abriss des Jahn-Stadions in Pankow erfahren Sie hier (T+).