Intro

von Ingo Salmen

Veröffentlicht am 24.07.2018

die Briten haben jetzt auch eine „avenidas“-Debatte an den Hacken. In Manchester haben Studierende jüngst ein Gedicht des Nobelpreisträgers und „Dschungelbuch“-Autors Rudyard Kipling überpinselt, das die frisch renovierten Räume der Students‘ Union zierte. Der Konflikt ist auf verblüffende Weise spiegelverkehrt angelegt zum Streit um das Werk von Eugen Gomringer, der die Alice-Salomon-Hochschule über Monate beschäftigt hat. Während die Hellersdorfer Studierenden den Dichter ausdrücklich nicht persönlich angreifen wollten, sondern nur das eine Gedicht ablehnten, hat die Union in Manchester gar nichts am konkreten Werk auszusetzen. Es heißt „If–“ und gilt als eines der bedeutendsten und beliebtesten englischen Gedichte überhaupt, eine Reflexion über Tugenden und menschliche Reife, von der ein Vers auch den Eingang zum Centre Court in Wimbledon ziert.

Nein, es ist der Dichter, mit dem die Studierenden nicht einverstanden sind. Kiplings Schaffen sei auch von Rassismus geprägt, er habe die britische Präsenz in Indien legitimiert und Farbige „entmenschlicht“, zitiert der „Guardian“ eine Studierendenvertreterin. Die Students‘ Union stehe aber für eine Befreiung vom Einfluss der Kolonialzeit und unterstützte die Stimmen von Minderheiten, heißt es in einer weiteren Mitteilung, die auch „rassistische Beschimpfungen“ als Reaktion auf das Übermalen beklagt. Anders als der Hellersdorfer Asta, der den langen Marsch durch die Institutionen antrat, um „avenidas“ loszuwerden, schritten die englischen Studierenden binnen Tagen zur Tat – und ersetzten „If–“ durch das Gedicht „Still I Rise“ der US-Bürgerrechtlerin Maya Angelou.

In der Schärfe der Debatte treffen sich die Geschichten aus Berlin und Manchester wieder. Gegenüber der BBC beklagte ein Literaturprofessor, es sei „fürchterlich plump“, Kipling als Rassist abzustempeln. Andere warfen den Studierenden vor, sie wollten Kipling aus der Geschichte tilgen. Die Adressaten der Kritik aber nehmen für sich in Anspruch, dass sie sich einfach nicht mit dem Dichter identifizieren können: Kipling soll nicht auf ihrer Wand stehen.

Ingo Salmen ist Online-Redakteur beim Tagesspiegel. Und bei Twitter ist er auch zu finden. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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