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von Ingo Salmen

Veröffentlicht am 08.01.2019

Robert Habeck geht, Marzahn-Hellersdorf kommt. Der Grünen-Chef hat am Montag etwas zerknirscht (wegen „schlafloser Nacht“) verkündet, dass er seinen Kanal bei Twitter löschen wird (zu polemisch). Doch Ersatz, um die Lücke für die 48.000 Follower zu schließen, ist nahe: Bezirkspressesprecher Frank Petersen hat schon im Oktober heimlich, still und leise den Kanal @40JahreMaHe eingerichtet. Am Freitag setzte er einen Premierentweet ab. Zum ersten Mal hat Marzahn-Hellersdorf damit einen offiziellen Twitterkanal.

Dass Berlins Bezirke bei der digitalen Kommunikation hinterherhinken, hat @TspLeute-Chef Markus Hesselmann schon wiederholt beklagt – und dabei zum Beispiel auf die britische Hauptstadt London verwiesen, deren Bezirke mit ihren Social-Media-Kanälen locker mal auf 15.000 Follower kommen. Der Grund: Sie nutzen die Plattformen nicht nur zur amtlichen Verkündigung, sondern zur Interaktion mit den Bürgerinnen und Bürgern. So viel kommunikativer Fortschritt ist von diesem MaHe-Account zunächst nicht zu erwarten. Petersen hat seine Öffentlichkeitsarbeit bereits breit angelegt, schickt nicht nur behördliche Nachrichten über den Presseverteiler, sondern verbreitet auch Informationen von Vereinen und Initiativen. Doch wie alle anderen Bereiche der Verwaltung ist auch die Pressestelle nach jahrelangem Sparkurs ausgedünnt. Unter dem Motto „Wir feiern Marzahn-Hellersdorf“ wird er sich deshalb darauf fokussieren, immer wieder zum 40-jährigen Bezirksjubiläum zu tweeten und retweeten. Fokussieren – das will Habeck ja auch, aber gerade ohne Twitter.

Im Aufbau befindet sich noch eine weitere Plattform: Seit dem Wochenende ist die Jubiläumswebsite mahe40.berlin freigeschaltet. Neben Festterminen und Bezirkschronik ist der spannendste Bereich ein Aufruf zum Mitmachen: Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, in Alben zu blättern, sich durch Schuhkartons zu wühlen und durch Festplatten zu klicken, um Fotos aus vier Jahrzehnten Marzahn-Hellersdorf zusammenzutragen. Sie sollen dann in einer Online-Galerie präsentiert werden, die jetzt schon ein paar Bilder enthält, aber in den nächsten Wochen und Monaten noch reichlich Zuwachs vertragen kann. Wir haben beim Tagesspiegel übrigens auch schon mal ins Netz gestellt, was wir aus den Gründerjahren des Bezirks auftreiben konnten: Unsere Bildergalerie zu 40 Jahren Marzahn-Hellersdorf finden Sie hier.

Was in dem Bezirk so alles steckt, hat bereits der Festakt zum Bezirksjubiläum am Sonnabend angedeutet. An jenem 5. Januar war es exakt 40 Jahre her, dass in der Hauptstadt der DDR aus Teilen der Bezirke Lichtenberg und Weißensee der neue Stadtbezirk Marzahn gegründet wurde. 1986 teilte er sich auf in Marzahn und Hellersdorf, die 2001 zu Marzahn-Hellersdorf wiedervereinigt wurden. Schon das künstlerische Programm vor gut 300 geladenen Gästen im Arndt-Bause-Saal des Freizeitforums war geprägt von einheimischen Talenten. Es fing an mit Moderator Peter Bause, heute Biesdorfer, einst mit Frau und zwei Töchtern Erstbezieher einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Murtzaner Ring 68, 11. Stock, und zwar schon im Jahr 1979, „als man den berühmten Satz ‚Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘ nicht staubfrei aussprechen konnte“.

Das Sandmännchen kam an jenem Sonnabend zu ungewohnter Stunde, nämlich schon um zehn vor fünf: Das Cello-Quartett von Lehrern der bezirklichen Hans-Werner-Henze-Musikschule trug Variationen der Sandmann-Melodie vor – von Tango über Schüttelfrost bis zum Hochzeitsmarsch (der hier im Video erklingt). Das passte doppelt, denn sowohl der Vater des Sandmännchens, Gerhard Behrendt, als auch der kleine Kinderfreund selbst waren Mahlsdorfer: Von 1963 bis 1992 wurde der Abendgruß hier produziert (mehr in diesem Newsletter aus dem November 2016). Mit Charlotte Ulbricht am Piano und Sopranistin Natsumi Witzmann (begleitet von ihrer Mutter Yoko Miura) unterhielten gleich zwei Eigengewächse die Gäste. Den Schlusspunkt setzte ein Schöneberger: Daniel Ferreira Sezinando animierte das Publikum zum kollektiven Beatboxen. Er teilte den Saal in drei Bereiche, die nacheinander ein sattes „Bumm“, einen kurzen Zisch-Laut und ein spitzes „Ich“ ausstoßen mussten. Das klang gar nicht so schlecht (hier der Videobeweis) und sagte am Ende vielleicht mehr über den Zustand des Bezirks im vierten Jahrzehnt aus als manche Rede, mancher Artikel: irgendwo zwischen Kollektiv und Ich.

Ingo Salmen ist Online-Redakteur beim Tagesspiegel. Und bei Twitter ist er auch zu finden. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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