Intro

von Ingo Salmen

Veröffentlicht am 14.01.2020

Könnte Marzahn-Hellersdorf schon bald Geschichte sein? Der Bezirk im Berliner Osten hat zwar gerade erst seinen 40. Geburtstag gefeiert, doch es gibt bereits eine Menge Ideen für neue Namen. Nach Vorschlägen wie „Wuhletal“ oder „Kienberg“, schlicht „Marzahn“, „Zahndorf“ oder „Hellersdorf“ vor einigen Jahren geht jetzt ein neuer Kandidat ins Rennen: Smartzahn-Cleversdorf. Diese Wortkombination war am Montagabend Gesprächsthema beim Neujahrsempfang von Bezirk und Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreis (MHWK) im Einkaufszentrum Eastgate. Zugegeben: „Smartzahn-Cleversdorf“ soll kein neuer Name für den Bezirk sein, sondern steht für ein neues und in dieser Form berlinweit einzigartiges Projekt. Es bringt Unternehmen und Schulen zusammen, um jungen Leuten den Einstieg in den Beruf zu erleichtern und zukünftige Fachkräfte zu gewinnen – und sie im Osten zu halten.

Der Fachkräftemangel in Wirtschaft und Verwaltung ist eines der Megathemen unserer Tage – warum also nicht einmal genau auf die Potenziale vor der eigenen Haustür schauen? Viele Schülerinnen und Schüler aus Marzahn-Hellersdorf wüssten gar nicht, welche Möglichkeiten sie in der Nachbarschaft hätten, sagte MHWK-Geschäftsführer Klaus Teichmann mir während des Empfangs. Die würden bei Arbeitgebern eher an Bahn oder Bundeswehr denken. Um das zu ändern, unterstützen Wirtschaftskreis, Wirtschaftsförderung und das Land ein Projekt, das der Verein Schlaufuchs entwickelt hat. „Firmen wissen oft nichts über Schule und Schulen nichts über Firmen“, erklärte Schlaufuchs-Initiator Alexander Möller den Ansatz seines Vereins. Und auch die Kinder und Jugendlichen in Marzahn-Hellersdorf bräuchten eine engere Begleitung: „Vielen fehlt jemand, der sie an die Hand nimmt.“

Das Projekt Smartzahn-Cleversdorf setzt bei einer engeren Vernetzung von Wirtschaft und Oberschulen an. Mit seinen Projektmitarbeiterinnen Manja Finnberg und Julia Friedrich sucht Möller derzeit alle weiterführenden Schulen auf, um Erwartungen und Bedürfnisse abzuklopfen. Nach einer Auftaktveranstaltung im Dezember soll es demnächst eine Reihe kleinerer Runder Tische geben. Das Ziel: Schnittstellen identifizieren, an denen sich Firmen und Schulen unterstützen können.

Herzstück des Projektes soll ein Jobportal werden, das im März online gehen soll. Es wird Praktika, Ausbildungsplätze und Stellen für den Berufseinstieg enthalten. Eigentlich, verriet MHWK-Geschäftsführer Teichmann, war die Adresse jobs-mh.de dafür vorgesehen. Doch nach den amüsierten Reaktionen auf den Namen während Neujahrsempfangs könnte es auch smartzahn-cleversdorf.de werden, sagte Möller. Er hat viele weitere Ideen: Zu Berufsorientierungs-Thementagen sollen künftig genau jene Unternehmen kommen, die den Profilen der Schulen und den Wünschen der Schüler*innen entsprechen würden. Firmen könnten auch Schul-AGs anbieten, etwa eine Fahrrad-Werkstatt, oder auf die Altersgruppe zugeschnittene Betriebsbesichtigungen, erläuterte Möller. Selbst im regulären Unterricht seien Kontakte denkbar: etwa, wenn das Thema Mietendeckel besprochen würde. Smartzahn-Cleversdorf könne den Vertreter einer Wohnungsbaugenossenschaft vermitteln.

Zumindest im Mietendeckel-Fall wäre das kein Kunststück. Schließlich ist MHWK-Chef Uwe Heß zugleich Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Marzahner Tor. Zum Mietendeckel hatte er auch beim Neujahrsempfang etwas zu sagen. Er appellierte an die Abgeordneten, noch Korrekturen vorzunehmen. Heß plädierte dafür, Marktteilnehmer, die schon per Gesetz auf das Gemeinwohl verpflichtet seien, von den strengen Vorgaben auszunehmen. Das betreffe zum Beispiel Genossenschaften. Zudem mahnte Heß einen zügigen Bau der Schnellstraße TVO an. Das sei im Sinne der lokalen Wirtschaft, sagte er.

Rund 350 Gäste aus Politik und Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Sport erlebten zudem eine beinahe angriffslustige Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke), die sich auf Krücken ein paar Stunden Auszeit von ihrer Reha nach der Knie-OP nahm. „Wir sind kein abgehängter Randbezirk, sondern in allen Planungen und Programmen in vielfältiger Weise eingebunden“, sagte die Politikerin in Anspielung auf Klagen, die immer wieder von örtlichen Abgeordneten anderer Parteien zu hören sind. Besonders hob sie die Arbeit ihres Schulstadtrats Gordon Lemm (SPD) hervor. Dank Neubauten seit Lemms Amtsantritt gäbe es im Bezirk eigentlich genügend Platz für alle Kita-Kinder. Das Problem sei das fehlende Personal. In den kommenden Jahren würden zudem mit Landeshilfe 100 Millionen Euro in Schulen investiert. Vieles müsse schneller werden – „daran arbeiten wir intensiv“. Zum neuen Jahr wünschte Pohle allen Anwesenden „Mut und Kraft, unsere Demokratie lebendig miteinander zu gestalten und dem Hass keinen Raum zu geben“.

Offen wäre noch die Frage, wer überhaupt auf einen Namen wie Smartzahn-Cleversdorf gekommen ist. „Das war Florian Lau„, erzählte Möller ganz unverblümt. Lau ist nicht nur Lehrer an der Gretel-Bergmann-Gemeinschaftsschule, sondern auch Vorsitzender des Marzahner Basketball-Vereins Basket Dragons, der sich mit dem Schlaufuchs-Verein ein Büro teilt. Ein gemeinsames Brainstorming sei da naheliegend gewesen. „Wir haben uns einen Tag eingeschlossen.“ Weitere Details erfragen wir mal lieber nicht… Text: Ingo Salmen

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