Intro
von Ingo Salmen
Veröffentlicht am 05.01.2021
was haben Sie Ihren Lieben gewünscht: ein frohes oder ein gesundes neues Jahr? Hoffentlich wird es beides, aber ob 2021 am Ende auch gut wird, steht noch in den Sternen. Gewiss ist nur eines: Einige der alten Sorgen sind aus dem Jahr 2020 noch übrig geblieben. Eltern vieler Schulkinder merkten das spätestens am Montag. Bei der Rückkehr zum digitalen Lernen nach den Weihnachtsferien mutierte der Lernraum zum Wartezimmer. Am Montagmorgen häuften sich die Fehlermeldungen über Berlins Plattform für den digitalen Unterricht: „Server nicht erreichbar“. Schon viele Lehrer*innen standen am Sonntag vor verschlossenen Türen: Als sie neue Aufgaben einstellen wollten, liefen erst einmal Wartungsarbeiten.
Zehn Monate nach Pandemiebeginn steuert die Senatsbildungsverwaltung nun um. Wie meine Kollegin Susanne Vieth-Entus erfuhr, will das Land den Schulen ermöglichen, vom selbst entwickelten Lernraum auf die kommerzielle Plattform „Itslearning“ umzusteigen. Ein Grundproblem wird dadurch nicht behoben: Es mangelt in der Verwaltung an Personal für die vielen Aufgaben der Digitalisierung. Die Linken-Bildungspolitikerin und Marzahner Abgeordnete Regina Kittler forderte denn auch Alternativen für die digitale Bildung, wenn es zu Engpässen kommt. Selbst innerhalb der SPD wird schon ausgeteilt: Jan Lehmann, Bewerber für die Kohlmeier-Nachfolge im Abgeordnetenhaus, sieht in der von Parteifreundin Sandra Scheeres geleiteten Bildungsverwaltung „mehr Nullen als Einsen“.
Online-Lernen dürfte noch eine Weile den Alltag bestimmen: Vermutlich werden der harte Lockdown insgesamt und die Aussetzung des Präsenzunterrichts bis Ende Januar verlängert – und damit bis zum Beginn der Winterferien. Das zeichnet sich immer mehr ab (die Entscheidungen in dieser Woche können Sie in unserem Corona-Newsblog für Berlin mitverfolgen). Der Landeselternausschuss Schule unter dem Vorsitz von Norman Heise aus Marzahn-Hellersdorf hat ebenfalls keine Eile und will erst zum Regelunterricht zurückkehren, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz in Berlin unter den Wert von 50 gefallen ist. Zuletzt war dieser Wert auf 131,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche zurückgegangen. Doch es muss sich erst noch zeigen, ob es einen Feiertagseffekt geben wird. Die Eltern wünschen sich vor allem Planungssicherheit zwei Wochen im Voraus.
Heute kann man schon froh sein, wenn nicht alles zwei Wochen zu spät kommt. Wie im Fall von Manja Finnberg. Die Kaulsdorferin, die auch Koordinatorin für Alleinerziehende im Bezirk ist, berichtete am Montag bei Twitter, dass gerade ein Brief des Gesundheitsamtes eingetroffen war – datiert auf den 23. Dezember und gestempelt eine Woche später. Für ihre Tochter sei „mit sofortiger Wirkung bis einschließlich 30. Dezember“ Quarantäne angeordnet, teilte ihr das Amt mit Posteingang vom 4. Januar mit. Es habe mehrere positive Corona-Fälle in ihrer Kita gegeben. „Wir hätten es nie rechtzeitig erfahren, wenn es keinen Elternchat und keine engagierten Elternvertreter gäbe, durch die uns die Kita informierte“, schrieb Finnberg. Nur sind nicht alle Eltern im Whatsapp-Chat. „Wie soll eine Kita es leisten, 190 Familien anzurufen?“, fragte Finnberg etwas überspitzt, denn es traf nicht alle.
Der Fall Kaulsdorfer Kita zeigt exemplarisch, wie eine unheilvolle Mischung aus hohen Infektionszahlen, seit Monaten überlasteten Gesundheitsämtern, althergebrachten Verwaltungsabläufen und langen Postlaufzeiten an den Feiertagen die Pandemiebekämpfung ausbremst. Und es ist kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele gibt es auch aus anderen Teilen der Stadt. Mein Kollege Robert Kiesel berichtet darüber im Tagesspiegel – und lässt zugleich den Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) zu Wort kommen, der die Arbeit der gestressten Ämter verteidigte. „Meine Männer und Frauen haben eine Pause verdient“, sagte er zu Einschränkungen an den Feiertagen. Er wolle verhindern, dass die Beschäftigten „unter der Belastung einfach kaputt gehen“.
Hoffnung dürfte deshalb das meistgebrauchte Wort für den Ausblick aufs neue Jahr sein. Mein Kollege Richard Friebe hat gerade erst in einem lesenswerten Essay zu Weihnachten beschrieben, warum die Hoffnung den Menschen ausmacht. Wie der Unterrichtsbeginn und Kontaktnachverfolgung holperte auch der Impfstart – doch die wichtigste Feststellung ist: Es gibt nun einen Impfstoff und damit eine begründete Hoffnung auf ein besseres Jahr 2021. Und neben den großen Nachrichten sind es manchmal auch die kleinen, die für ein wenig Entlastung im Alltag der Isolation sorgen. Für Angehörige, die ihre Verwandten im Pflegeheim besuchen wollen, hat die Senatsgesundheitsverwaltung bis Ende Januar zwölf zusätzliche Teststellen in den Bezirken eingerichtet.
Wie geht es Ihnen im Lockdown? Das wollen nicht nur wir wissen, es beschäftigt auch die Wissenschaft. Ein Forschungsverbund, an dem unter anderem das International Security and Development Center (ISDC) aus Berlin beteiligt ist, hat die Online-Umfrage „Leben mit Corona“ gestartet. Das Team interessiert sich ausdrücklich auch für die Lebenssituation in den einzelnen Bezirken, weshalb wir in unserem Newsletter gern darauf hinweisen. Die Teilnahme dauert etwa 15 Minuten, alle Daten werden streng vertraulich behandelt. Über die Ergebnisse werden wir nach Abschluss der Studie berichten. Unter lifewithcorona.org/tagesspiegel können Sie sich beteiligen.
Ingo Salmen ist Online-Redakteur beim Tagesspiegel. Und bei Twitter ist er auch zu finden. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-i.salmen@tagesspiegel.de