Intro

von Johanna Treblin

Veröffentlicht am 03.05.2022

es ist schon ein paar Jahre her, da bin ich am Ostbahnhof an einer Frau vorbeigefahren, die am Rande einer Schar von Tauben stand und ihnen Körner zuwarf. Verrückt, dachte ich, und als ich schon ein paar Meter weiter gefahren war, bin ich wieder umgedreht und habe die Frau gefragt, warum sie das macht.

Tauben, das sind doch die Ratten der Lüfte. Ständig weicht man Taubenkot aus oder Gruppen gurrender Tauben, die plötzlich auffliegen und nur wenige Zentimeter über dem Kopf wegflattern, sodass man fast ihre Flügel im Mund hat, zumindest gefühlt.

Die Frau erzählte mir, dass sie nicht einfach so die Tauben füttere, sie kam mir auch nicht „verrückt“ vor. Sie gehörte sogar einem Verein an, der regelmäßig Tauben Essen bringt. Und warum? Damit diese gesunde Nahrung zu sich nehmen und gesund bleiben und eben keine Ratten der Lüfte mehr sind, die Krankheiten verbreiten.

Der Verein, so las ich später auf seiner Webseite und in einem Portrait in einer Zeitung, macht aber noch viel mehr: Er will die Population der Tiere verringern, betreut daher Taubenschläge, wo die Vögel Eier legen, die dann ausgetauscht werden, sodass keine Küken schlüpfen.

Genau das erzählte am Donnerstag in der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung auch Inka Seidel-Grothe von der Tierschutzpartei. Ihre Fraktion beantragte gemeinsam mit Grünen und SPD, einen Taubenschlag im Bezirk zu errichten. Neben den genannten Gründen erklärte Seidel-Grothe zudem, dass einiges an Geld eingespart werden könnte, denn wenn die Population verringert wird, gibt es weniger Hinterlassenschaften, die teuer weggemacht werden müssen.

Der Antrag stieß auch bei weiteren Fraktionen auf große Zustimmung. Unter anderem wies der Linken-Fraktionsvorsitzende Bjoern Tielebein darauf hin, dass das leerstehende Kino Sojus derzeit ein riesengroßer wilder Taubenschlag sei, der aber nicht betreut werde. Der Antrag wurde schließlich beschlossen.

Das Taubenfüttern wird allerdings vermutlich noch eine Weile weitergehen. Erstens müssten die anderen Bezirke nachziehen (bisher gibt es nur einen Taubenschlag, der zuerst am am Potsdamer Platz war und dann zum Südkreuz umzog). Zweitens ist das ganze Vorhaben eine langwierige Sache.

  • Johanna Treblin ist freie Mitarbeiterin beim Tagesspiegel. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihr bitte eine E-Mail.