Kultur
Wenn die Nachbarschaft Visionen für den Kiez entwickelt
Veröffentlicht am 29.09.2020 von Ingo Salmen
Die Großwohnsiedlung als Lebens- und Kulturraum steht im Mittelpunkt der station urbaner kulturen, seit sie 2014 auf dem Hellersdorfer Kastanienboulevard eröffnet hat. Viele Aktionen finden deshalb vor den Türen des Ausstellungsraumes statt – mitten im Kiez. Das gilt auch für das aktuelle Projekt „Die Pampa lebt!“. An den drei Standorten Alice-Salomon-Platz, Cottbusser Platz und Kastanienboulevard sind noch bis zum 11. Oktober Großplakate zu sehen. Unter dem Motto „Hellersdorf als Großwohnsiedlung gestern, heute und morgen“ zeigen sie die Visionen von Künstler*innen und Anwohner*innen für die Nutzung des öffentlichen Raums.
Wer Kunst auch in die Randbezirke der Kunststadt Berlin bringen will, müsse die Themen des Quartiers aufgreifen, sagt Adam Page, der das Projekt zusammen mit Eva Hertzsch leitet. Die neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) aus Kreuzberg, die hinter der station urbaner kulturen steckt, sei mittlerweile gut in den Kiez integriert und finde große Resonanz. Die Kunst sei hier nämlich unterrepräsentiert, erklärt Page. In der DDR habe es in Hellersdorf ein größeres kulturelles Angebot gegeben. Viele Anwohner, vor allem ältere, vermissten das und kämen gerne zu den Veranstaltungen.
An dem Projekt „Die Pampa lebt“ haben sich etwa 15 Hellersdorfer*innen beteiligt. Seit März 2019 unterhielten sie sich darüber, welche Folgen die Abrisse und Rodungen in den 90er-Jahren für den Stadtteil und die Menschen bedeuteten und welche Kränkungen, Ängste und Hoffnungen es durch den plötzlichen Wegfall von Arbeitsplätzen gab. Bei Ausflügen zu anderen Großsiedlungen und Ausstellungen sammelten sie mehr als 300 Antworten in Form von Dokumenten, Fotos und Statements.
Doch wie sollte man die Ergebnisse aus den vielen Gesprächen sichtbar machen? So kamen sie auf die Idee, sogenannte Billboards aufzustellen. Die Großplakate zeigen eine Kombination aus Text und Bild: Recherchen, Berichte und Ideen der Anwohner und davon inspirierte Aquarellbilder von Hertzsch und Page mit einer Vision für den Platz, auf dem sie zu sehen sind. Jeden Donnerstag werden die Plakate ausgetauscht, eine neue Vision wird sichtbar.
Über alle drei Standorte wird derzeit auch städtebaulich diskutiert. Page hofft, dass die Ideen auf den Billboards Beachtung bei der Stadtplanung finden. „Die berühmten Berliner Freiräume verschwinden immer mehr. In Marzahn-Hellersdorf ist das noch nicht passiert, aber es wird kommen“, sagt er. Zum Beispiel bei der Neugestaltung des „Place Internationale“, der Wiese am Cottbusser Platz, die für Kunstprojekte genauso wie für Cricketspiele dient. Die nGbK befürchtet, dass dort weitläufige zweistöckige Gebäude gebaut werden. Die Projektgruppe hat sich stattdessen ein Punkthochhaus überlegt, in Anlehnung an die Architektur der DDR, die die Identität des Stadtteils bis heute prägt.
Für Hertzsch und Page, die beide direkt nach der Wende von London nach Dresden und von dort nach Berlin kamen, stehen bei der Gestaltung des öffentlichen Raums die Themen Verdichtung, Ökologie und soziales Grün im Mittelpunkt. Durch ein Hochhaus wäre Platz gewonnen, den man als Ort gestalten und nutzen könnte. Eine wichtige Grünfläche würde bewahrt werden.
Ist sie denn akut bedroht? Vom Bezirksamt heißt es dazu, dass es am Cottbusser Platz „eine sehr heterogene Eigentümerstruktur“ gebe, die eine einheitliche städtebauliche Entwicklung behindere. Die Stadtplanung stehe einer anderen Entwicklung mit städtebaulichen Konzepten, die sich in den Kontext der vorhandenen Bebauung einfügen, durchaus aufgeschlossen gegenüber. „Es hat mit konkreten Planungsabsichten nur bedingt etwas zu tun“, kommentiert der Leiter des Stadtplanungsamtes, Sascha Richter, das Kunstprojekt. „Allerdings kann diese Öffnung des Blickwinkels durchaus interessante Impulse auch für stadtplanerische Aspekte haben.“
In Gefahr war zuletzt auch die station urbaner kulturen. Anfang 2020 konnte erst im letzten Moment eine Übergangsfinanzierung für das neue Jahr sichergestellt werden. Jetzt wurde das Engagement für den Kiez durch das neue Förderprogramm „Draußenstadt“ der Senatskulturverwaltung belohnt. Dort gilt es als eines der Pilotprojekte, zumindest für ein weiteres Jahr wird somit Geld fließen. „Danach müssen wir weitersehen“, sagt Page. Auch über die genaue Summe laufen derzeit noch Verhandlungen.
Die Plakate werden immer donnerstags ausgetauscht. Wann genau, können Interessierte unter der Nummer 0173/2009608 erfahren. Am 1. und 8. Oktober finden Führungen mit den Künstler*innen zu den Großplakaten statt. Los geht es um 16 Uhr in der station urbaner Kulturen auf dem Kastanienboulevard. Die Führung dauert etwa eine Stunde. – Text: Rilana Kubassa
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