Kultur

Gustavo - fast prophetisch

Veröffentlicht am 18.01.2022 von Johanna Treblin

Schauen Sie sich einmal das Bild an und überlegen Sie, was Sie sehen. Lassen Sie Ihrer Phantasie ruhig freien Lauf. Als Information gebe ich Ihnen mit, dass es sich um Bilder des spanischen Künstlers Gustavo handelt, die derzeit im ersten Obergeschoss im Schloss Biesdorf ausgestellt sind.

Mit vollem Namen heißt er Gustavo Peñalver Vico. Er wurde 1939 in Cartagena geboren, siedelte aber schon als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Mallorca um. 1971 – vor 50 Jahren – wurden Gustavos Werke erstmals in Deutschland gezeigt. Hier suchte er Asyl vor der faschistischen Franco-Diktatur. Von 1976 bis 1990 arbeitete Gustavo im Kunsthaus Bethanien in Kreuzberg.

Haben Sie sich Gedanken gemacht, was auf dem Bild zu sehen sein könnte? Ja? Dann verrate ich Ihnen nun, wie der Titel des Bildes lautet: „Portugiesischer Buchhalter, verkleidet als Engel, mit einem Haar auf der Nase und einem entzündeten Knie, zähmt als Vögel verkleidete Bankiers in einem Mohnblumenfeld.“ Kommt das in etwa dem nahe, was Sie sich überlegt haben? Nein? Ging mir auch so. Aber kennt man den Titel erst einmal, sieht man dann doch das meiste, was darin erwähnt wird: Die Engelsflügel, das einzelne Haar, das Knie mit der Beule, die Vögel. Was sie zu Bankiers macht, ist mir allerdings schleierhaft, aber das ist schließlich die Freiheit des Künstlers.

Im Schloss Biesdorf sind in einer umfassenden Retrospektive mehr als 70 Werke des 82-Jährigen zu sehen. Die für Gustavo typischen grotesken Gestalten in merkwürdigen Situationen finden sich auf Bildern, Skizzen, Drucken und sind als Skulpturen auch dreidimensional erlebbar. Auf der Webseite des Schlosses heißt es: „Die poetisch-absurden Titel der einzelnen Werke sind eine humorvolle und lebensfrohe Brücke in die magischen Bildwelten“ des Spaniers.

So gibt es zum Beispiel „sehr religiöse Zwillingsbrüder“ zu sehen (wenn man sich etwas anstrengt), einen „Mond verkleidet als verliebtes Fenster“ oder ein Bild, auf dem eine Ente mit Beinen zu sehen ist, das den Titel trägt: „Von einer Entenfamilie abstammende Frau kehrt von einem anstrengenden Spaziergang mit entzündeten Knien zurück“. Das entzündete Knie ist also ein wiederkehrendes Phänomen in den Bildern Gustavos, vielleicht hatte er selbst einmal eins und verarbeitet das in seiner Kunst?

Aus dem Jahr 2016 gibt es ein Bild mit dem Titel „Intellektueller ohne Virus, verkleidet als Esel, flirtet mit dem Friedensrichter und seinen Söhnen“ – das klingt fast prophetisch auf unsere Zeit zugeschnitten.

Alles will ich hier nicht verraten. Schauen Sie sich die Ausstellung lieber selbst einmal an! Auch wenn die Bilder nicht ganz mein Stil waren, ich habe mehrmals wegen der Bildbeschreibungen gelacht. Und so hat die Ausstellung doch einiges bewirkt: zum Nachdenken angeregt und erheitert.

  • Die Ausstellung ist bis zum 4. März im Schloss Biesdorf zu sehen. Der Eintritt ist frei. Mehr Informationen hier.