Macher

So geht es mit dem Fassadengedicht weiter

Veröffentlicht am 07.11.2017

Landauf, landab haben sich Politiker, Schriftsteller, Feuilletonisten über das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer ausgelassen. Nun haben wieder die Angehörigen der Alice-Salomon-Hochschule das Wort: Bis Ende Oktober konnten sie – und nur sie – Vorschläge einreichen, wie die ohnehin renovierungsbedürftige Südwand künftig gestaltet werden soll. Es gab auch externe Ideen, die jedoch nur Berücksichtigung finden, wenn ein Fürsprecher in der Hochschule sie übernommen hat. Ab dem 15. November wird es eine hochschulinterne Online-Abstimmung geben. Über die beiden Entwürfe mit den meisten Stimmen und einen dritten Vorschlag der Hochschulleitung wird dann am 12. Dezember der Akademische Senat diskutieren. Das höchste Gremium der Hochschule soll schließlich im Januar über die neue (oder auch alte) Gestaltung der Fassade entscheiden. Wie viele Vorschläge eingereicht wurden, konnte eine Sprecherin am Montag nicht sagen. Derzeit werden sie gesichtet und dahingehend geprüft, ob sie den vorher festgelegten Kriterien entsprechen. Zum Beispiel darf es keine Konflikte mit dem Urheberrecht geben.

Die Debatte hat die Hochschule vor ein Dilemma gestellt. Einerseits gibt es ein berechtigtes Unbehagen darüber, das Gedicht per Mehrheitsbeschluss zu entfernen oder auch nur gestalterisch zu rahmen. Die Kunstfreiheit ist ein hohes Gut und die Frage, ob ein Werk gut ist oder nicht, die immer mitschwingt, kaum einem demokratischen Urteil zugänglich. Es muss schon gar nicht besser werden, nur weil ein Gremium darüber abstimmt. Andererseits ist das Gedicht nicht für diesen Ort entstanden und würde – anders als ein Wandgemälde – auch nicht durch Überpinseln zerstört. Ebensowenig ist mit der Platzierung an der Fassade eine spezielle Botschaft des Künstlers verbunden, die verlorengehen könnte. Der Kontext der Rezeption wiederum kann, wenn wir dem Studierendenausschuss glauben wollen, zu Interpretationen führen, die so vielleicht nicht beabsichtigt waren, aber Auswirkungen auf das individuelle Sicherheitsempfinden haben (heutzutage übrigens eine gängige Kategorie polizeilichen Handelns). In der Gesamtschau erscheint es also möglich, sich für eine andere Gestaltung zu entscheiden, ohne dass gleich von Zensur die Rede sein muss. Womöglich wäre eine vollständige Entfernung sogar konsequenter, weil sie sich eines Kommentars enthält – das muss ja nicht ausschließen, das Gedicht an anderer Stelle in der Hochschule zu würdigen.

Was man der Hochschule nicht vorwerfen kann, ist das Verfahren. Typisch für ein Dilemma ist nun einmal, dass sich der zugrundeliegende Konflikt kaum zur vollen Zufriedenheit lösen lässt. Besser als ein einsamer Beschluss des Rektorats ist dann allemal eine Einbeziehung der verschiedenen Hochschulgruppen. Daraus hat sich nun wenigstens eine gesellschaftliche Debatte über die Kunstfreiheit entwickelt, eine Art demokratische Selbstvergewisserung (hier ein ausführlicher Pressespiegel). Auch dazu trägt die Hochschule ganz gezielt bei, indem sie an diesem Dienstagabend eine Podiumsdiskussion mit Befürwortern und Kritikern einer neuen Fassadengestaltung organisiert. Die 200 Plätze im Audimax sind längst ausgebucht. Der Tagesspiegel wird aber in Print und Online ausführlich darüber berichten und auch nächste Woche in diesem Newsletter. Am Ende des Verfahrens werden sicher nicht alle glücklicher sein – aber viele klüger. Ingo Salmen