Macher

Was im Streit um "Avenidas" gefehlt hat

Veröffentlicht am 14.11.2017

Es ist vielleicht typisch für die alarmistische Debatte über das Gedicht, dass ausgerechnet dieser Einwurf weitgehend ungehört blieb: „Warum entsteht der Eindruck, dass es im Gender-Diskurs um autoritäre Sprachverbote geht?“, fragte die Publizistin Andrea Roedig. „Hat die Gegenseite nur unrecht?“ Eine kleine Portion Selbstzweifel würde allen Beteiligten im Streit um die konkrete Poesie von Eugen Gomringer sicher gut tun. Mit einer Podiumsdiskussion unternahmen die Alice-Salomon-Hochschule und das Haus für Poesie vergangene Woche einen wichtigen Schritt, um auch die öffentliche Auseinandersetzung wieder zu befrieden. Sie dokumentierte einen anhaltenden Dissens über die Auslegung des Werkes und den richtigen Umgang mit der Kunstfreiheit, aber verlief wenigstens – darüber muss man sich schon freuen! – weitgehend zivilisiert. Meine Kollegin Anja Kühne hat die verschiedenen Positionen hier für Sie notiert.

Die Maßlosigkeit der Debatte ist einfach nur erschütternd. Man muss sich das mal vorstellen: Da verbreitet die Schriftstellervereinigung PEN eine Stellungnahme, in der von einem „barbarischen Schwachsinn“ und „Bilderstürmerei“ die Rede ist. Sind hier Hüter des Wortes oder doch eher dessen Krieger am Werk? Hingegen haben die Kritiker des Gedichtes kaum erkennen lassen, sich mit der soziokulturellen Bedeutung dieser Kunstrichtung auseinandergesetzt zu haben, die nach dem Krieg bewusst mit dem bürgerlichen Kanon brach und gerade auch Oppositionellen im Osten Europas eine Stimme gab – durch die Leerstellen einer reduzierten Sprache, die viele Deutungen zwischen den Zeilen zuließen.

Auch die Hochschule muss sich eine mangelnde Sensibilität vorhalten lassen. Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses für Poesie, wies auf dem Podium darauf hin, dass sie es versäumt hat, den Dichter selbst frühzeitig einzubeziehen. Eine telefonische Kontaktaufnahme misslang offenbar. Erst im Sommer schrieb die Leitung Gomringer einen Brief, als der Rahmen des Gestaltungswettbewerbs feststand, wie Prorektorin Bettina Völter eingestand – dabei hatte die interne Diskussion schon im Winter begonnen. Wie kann das sein bei einer Einrichtung, die sonst größten Wert auf Rücksichtnahme und Inklusion legt?

Im letzten Newsletter hatte ich das Verfahren noch verteidigt. Ich halte es auch jetzt noch für den besten Weg in misslicher Lage. Aber die Distanz zum eigenen Poetik-Preisträger ist doch völlig unverständlich – und hat Wunden aufgerissen, die sich nachträglich nur schwer heilen lassen. Immerhin hat eine Delegation der Hochschule den 92-jährigen Gomringer nun in dessen fränkischer Wahlheimat besucht. Der hatte zuvor schon im Gespräch mit dem Deutschlandfunk angedeutet, dass er einen Kompromiss für möglich hält, indem wenigstens eine Infotafel an das Gedicht und seine Beseitigung erinnert, wenn es denn so sein soll. Hängen blieb, auch das typisch, nur sein Wort von der „Säuberung“.