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Jugendgewalt nimmt wieder zu - vor allem an Schulen

Veröffentlicht am 28.11.2017

Marzahn-Hellersdorf ist sicherer als Berlin insgesamt. Bei der Jugendgewalt nimmt es jedoch schon seit 2012 hinter dem Bezirk Mitte den zweiten Rang ein. Nach einem Rückgang ist die Zahl der Rohheitsdelikte, also im Wesentlichen Körperverletzung und Raub, hier in den letzten beiden Jahren wieder gestiegen, 2015 um 8,3 Prozent und 2016 um 4,1 Prozent. Das geht aus dem soeben erschienenen vierten „Berliner Monitoring Jugendgewaltdelinquenz“ hervor. Innerhalb des Bezirks sind die Unterschiede allerdings groß. Während in Mahlsdorf und Kaulsdorf Jugendgewalt praktisch nicht vorkommt und sich in Biesdorf und auch in Hellersdorf-Süd und Marzahn-Süd noch im üblichen Berliner Rahmen bewegt, liegt sie in Hellersdorf-Nord, Marzahn-Nord, Hellersdorf-Ost und Marzahn weit über dem Berliner Durchschnitt und ist auch besonders stark gewachsen.

Eine Besonderheit des Bezirks: Der Anteil der Kinder an den Tatverdächtigen bis 21 Jahre ist mit einem Drittel ungewöhlich hoch. Deutlich stärker gewachsen als die Jugendgewalt generell ist die Zahl der Rohheitsdelikte an Schulen. Sie nimmt landesweit den ersten Platz ein und liegt auch noch weiter über dem Berliner Durchschnitt, was die Autorinnen und Autoren der Studie aber nicht zuletzt auf ein anderes Anzeigeverhalten zurückführen – in MaHe wird offenbar stärker durchgegriffen. Als weitere problematische Region kommt hier Marzahn-Süd hinzu.

Die Gründe für diese Befunde sind alle bekannt. Die Studie führt eine hohe Arbeitslosigkeit, auch unter Jugendlichen, in den schwierigen Ortsteilen an, verweist auf einen Anteil von 38 Prozent der Kinder im Bezirk, deren Eltern von staatlichen Leistungen abhängen, während es in Berlin nur 30 Prozent sind (Zahlen von 2015) – und diese Statistik sähe ohne Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf noch schlechter aus. Zu einem schwierigen Umfeld trägt auch der hohe Anteil Alleinerziehender von 37 Prozent bei (berlinweit 31 Prozent, Zahlen von 2014). Die Probleme mit häuslicher Gewalt und Kindeswohlgefährdung in Teilen des Bezirks waren auch schon Thema hier im Newsletter ebenso wie die große Zahl an Schulschwänzern. Der Anteil an Kindern mit eigenem Fernseher wiederum sei mit 16 Prozent gegenüber 9 Prozent in ganz Berlin „ebenfalls deutlich erhöht“, heißt es in der Untersuchung.

Niemand kann behaupten, dass der Bezirk nichts gegen diese Probleme unternimmt. Der Bericht listet zahlreiche Präventionsprojekte auf. Er weist allerdings auch auf Defizite hin: Nur etwas mehr als die Hälfte der Schulen verfügt über Krisenteams, eigentlich ein zentrales Instrument, landesweit sind es mehr als 70 Prozent. Auch die Gründung weiterer Schulstationen wird empfohlen, zentralen Anlaufstellen der Sozialarbeit für Schüler, Eltern und Lehrer. Zu gering seien außerdem die Beteiligungsmöglichkeiten von Schülern und Eltern an der Gestaltung des Schullebens. Bei so komplexen Problemen soll man an einzelne politische Initiativen gewiss nicht zu hohe Erwartungen knüpfen. Doch vor dem Hintergrund der Gewaltstudie stellt sich die Frage nach dem Gesamtkonzept gegen die Vernachlässigung und Gefährdung von Kindern, das Jugend- und Schulstadtrat Gordon Lemm (SPD) angekündigt hat, umso drängender.

Ein konkreter Fall ist bereits ein Thema für die Kommunalpolitik. Normalerweise ist Randale von Jugendlichen eine typische Begleiterscheinung lauer Sommernächte. Doch am Cecilienplatz soll sich das anders verhalten, wie CDU-Fraktionschef Alexander J. Herrmann berichtet. „Witterungsunabhängig“ würden sich Jugendliche dort abends betrinken, sagte er am Donnerstag in der Bezirksverordnetenversammlung, die Stadt und Land als Eigentümerin des Platzes habe bereits einen Wachschutz beauftragt. „Das Maß ist voll“, sei die Devise der Anwohner. Nötig sei deshalb ein „großer Dialog“ mit Bezirksamt, Anwohnern, Ladeninhabern, Polizei und Jugendhilfeträgern, sagte Herrmann zur Einbringung eines entsprechenden CDU-Antrags. Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) regte allerdings an, auch die Jugendlichen selbst einzubeziehen. Der Linken-Fraktionsvorsitzende Björn Tielebein plädierte zudem dafür, andere Plätze wie die Helle Mitte, den Helene-Weigel-Platz, die Marzahner Promenade und mit Abstrichen den Barnimplatz ebenfalls in den Blick zu nehmen. „Ich hoffe nicht, dass wir alle nur nach Polizei schreien.“ Das richtige Vorgehen will die Politik nun in den Ausschüssen für Jugend und Ordnung beraten. Ingo Salmen