Namen & Neues

Volles Haus bei Debatte über Verkehrslösung Mahlsdorf

Veröffentlicht am 30.01.2018 von Ingo Salmen

Das erste Raunen gilt Mario Czaja. Der sagt gleich zu Beginn: „Selbst wenn morgen ein Planfeststellungsverfahren beginnen würde, wäre die Vorlaufzeit, bis der erste Stein bewegt wird, fünf Jahre.“ Dabei brüten die Experten schon seit 2007 über einer Verkehrslösung für den verstopften Ortskern von Mahlsdorf. Es gab Linienprüfungen und Machbarkeitsstudien, wie sich Autos und Straßenbahnen so leiten lassen, dass bei der Tram ein Zehn-Minuten-Takt möglich ist, die Wege zum Umsteigen am Bahnhof kürzer werden und auch die bislang 16.000 Fahrzeuge am Tag den Ort weniger belasten. An diesem Montagabend erfahren endlich auch mal die Bürger, was Sache ist. Der CDU-Abgeordnete Czaja und Alexander J. Herrmann, Vorsitzender der BVV-Fraktion, haben selbstbewusst zu einer „Anwohnerversammlung“ in die Friedrich-Schiller-Grundschule eingeladen. Am Eingang bilden sich Schlangen, am Ende quetschen sich mehr als 250 Zuhörer in die Aula, einige müssen dennoch kehrtmachen (wenigstens gibt es einen Stream bei Facebook).

Der Staatssekretär verteidigt das langwierige Verfahren. Um eine rechtssichere Planung zu haben, müssten nun mal alle denkbaren Varianten geprüft und bewertet werden, sagt Grünen-Politiker Jens-Holger Kirchner. Er plädiert klar für die Vorzugsvariante des Senats, nach der die Straßenbahn künftig zweigleisig über Hultschiner Damm und Hönower Straße fahren soll, während der Großteil des Autoverkehrs durch die Theodorgärten, über die Straße An der Schule und die Pestalozzistraße zur Hönower geführt werden soll, eine Planung, die als Neuer Hultschiner Damm in der Diskussion ist. Die zentralste und kürzeste Tram-Verbindung hat für Kirchner Priorität (hier Teil 1 und hier Teil 2 seiner Präsentation als PDF).

Die umgekehrte Variante mit der Straßenbahn entlang der Schule, jüngst wieder von den Abgeordneten Iris Spranger (SPD) und Stefan Ziller (Grüne) beworben, halten die Planer für zu verwinkelt und zu lang, außerdem müssten Privatgrundstücke stärker „angeknabbert“ werden. Das könnte in einem Planfeststellungsverfahren „fast ein K.o-Kriterium“ sein, warnt Kirchner. Borniert spricht er jedoch nicht: Im Koalitionsvertrag sei die Verkehrslösung vereinbart, nicht die Vorzugsvariante. Es geht nicht darum, dass diese „nur durchgezogen“ werde. „Herr Czaja hat es angedeutet: Das ist hier die Vor-Vor-Vor-Phase“, sagt Kirchner. „Wir sind also auf der Mitte des Weges.“

Czaja will sich nun sogar noch mehr Zeit nehmen. 16.000 Autos an einer Oberschule mit 1000 Kindern entlang führen? Das sei 2007 noch nicht absehbar gewesen sagt er, aber daran dürfe man heute eben nicht mehr festhalten. Einen Rückstau an der Pestalozzistraße fürchtet er auch, wenn die Autos wieder auf die Hönower wollen – und damit weiteren Ausweichverkehr durchs Musikerviertel und an der Schiller-Grundschule vorbei – „noch mal 500 Kinder“. Der Senat sollte nun „nicht voreilig“ ein Planfeststellungsverfahren einleiten, fordert er, sondern ein bis zwei weitere Jahre in Kauf nehmen, um einer Variante mit Brandenburg „eine Chance zu geben“. Er will nicht drohen, sagt Czaja, und tut es dann doch: Wenn es kein Einvernehmen mit der Bevölkerung gebe, wisse er auch, wie sich eine Planfeststellung verzögern lasse.

Was ist mit einer Tangente an der Landesgrenze? Der Bezirk pocht schon länger auf eine solche Route östlich des Ortskerns, während das Land sich bisher wegen der aufwendigen Abstimmung mit dem Nachbarn Brandenburg gesträubt hat. Wie diese Lösung konkret aussehen könnte, bleibt auch nach dem Infoabend offen. Verkehrsstadtrat Johannes Martin (CDU) deutet einen Verlauf entlang der Grenze an, doch erst kürzlich hat der Bezirk ein Gutachten dazu in Auftrag gegeben. Es gibt Gespräche mit der Gemeinde Hoppegarten, ein erster Vorschlag für einen Linienverlauf soll in zwei Monaten vorliegen. Deshalb sind noch viele Fragen ungeklärt: wie die Verkehrsführung im Ortskern dann aussehen könnte und wie sich die weite Umfahrung auf die Siedlungen auswirken könnte. 20 Prozent seien Durchgangsverkehr, sagt Martin, der größte Teil der Autos steuere die Wohngebiete an.

Tram und Radverkehr an der Schule – das will auch der Verein Mahlsdorfer Bürger noch mal eingehend prüfen lassen, wie dessen Vorsitzender Jan Lehmann sagt. Czaja deutet nämlich an, dass der Vorschlag von Spranger und Ziller von der Variante abweicht, die Kirchner zeigt: Die Abgeordneten wollen den Autos dort weniger Platz lassen. Die Informationen schwirren durch den Saal, es ist nicht leicht für die Bürger, den Überblick zu behalten. Das soll sich bald bessern: Die Bezirksverordneten haben am Donnerstag auf Antrag von Linken und CDU das Bezirksamt beauftragt, einmal alle relevanten Studien und Analysen zusammenzustellen.

Praktisch wäre es, wenn gleich weniger Autos kämen. Auch der CDU-Vorstoß, die Tarifzone B bis zum ersten Bahnhof in Brandenburg (hier: Birkenstein) auszuweiten, kommt zur Sprache. Kirchner hält davon nichts, alle anderen Parteien haben den Antrag im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses ja auch abgelehnt. „Selbst wenn es 1000 Autos sind – das merken Sie in der Innenstadt gar nicht“, sagt der Staatssekretär zum Bau neuer Park-and-Ride-Parkplätze. Der Eingriff für einen Ort wie Birkenstein wäre aber erheblich. Martin widerspricht: „1000 Fahrzeuge weniger aus Hoppegarten in Mahlsdorf würden wir sehr wohl merken.“ Ingo Salmen

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