Namen & Neues

Der Kienberg ist wieder offen - aber um die "Arche" gibt es Streit

Veröffentlicht am 06.03.2018 von Ingo Salmen

„Rinder, Pferde und Schafe“ hat Birgitt Eltzel ihren Artikel in „LiMa+“ überschrieben – und man ist beinahe geneigt zu ergänzen: „y un admirador“. Es geht um ein scheinbar harmloses Vorhaben: die Beweidung des Wuhletals. Doch dahinter verbirgt sich ein tiefsitzender Konflikt, wie man ihn sonst nur vom Streit um Gedichte kennt. Die Grün Berlin und der Bezirk planen zwischen Eisenacher Straße und Cecilienstraße einen „Arche-Park“, also eine Erweiterung dessen, was bei der IGA begonnen wurde. Auf sechs Weideflächen von insgesamt rund elf Hektar Größe im Kienbergpark wollen sie ein gutes Dutzend Tiere ansiedeln, alles vom Aussterben bedrohten Haustierrassen. Das soll zugleich dem Artenschutz dienen und der Landschaftspflege, schließlich kann mit dem Arbeitspensum der Tiere kein Rasenmäher mithalten. 1,60 Meter hohe Zäune an Holzpfählen sollen die Weiden begrenzen, niedrig genug, damit Rehe sie überwinden können, und am Boden so weitmaschig, dass auch Füchse hindurchschlüpfen können. Naturschutzverbände haben ihren Segen gegeben. Die Senatsverwaltung bereitet eine Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet vor. In diesem Jahr soll das Projekt starten.

Doch die Zäune machen Ärger. Bei einer Versammlung im bezirklichen Informationszentrum am Fuße des Kienbergs gab es „teils heftigen Widerspruch“ von einigen Anwohnern, wie „LiMa+“ berichtet. Einerseits stellen die Kritiker infrage, dass die Bewirtschaftung zur Artenvielfalt beiträgt, und halten sogar eine Verdrängung von Wildtieren für möglich. Dagegen wandten die Vertreter der Grün Berlin ein, dass sich auf der vorhandenen Pferdeweide Biber angesiedelt hätten, weil die Zäune sie vor freilaufenden Hunden schützten. Andererseits befürchten Anwohner eine Beschneidung ihres Naherholungsraumes und eine Verengung von Naturerfahrung (auch für Kinder) auf die abgesteckten Wege. „Die öffentliche Zugänglichkeit mit allen vorhandenen Wegen bleibt erhalten“, zitiert „LiMa+“ Stadtrat Johannes Martin (CDU). „Die Zäune sollen hinter Büschen und Sträuchern verlaufen“, sagte Frank Wasem von der Grün Berlin einem Bericht der „Berliner Woche“ zufolge. Wieviel Grün den Menschen bleibt, dazu gab es aber keine verlässlichen Aussagen.

Manche Einlassungen sind ungewöhnlich scharf. Die Bürgerinitiative Kienberg-Wuhletal, die schon gegen die IGA mobilisiert hatte, wirft Bezirksamt und Grün Berlin auf ihrer Facebook-Seite „Narzissmus in Reinkultur“ vor und nennt die Infoveranstaltung ein „Schmierentheater mit traurigem Ausgang“. Ihre Sprecherin Cornelia Kahl sagte zu den Arche-Plänen: „Wenn Grün Berlin der Meinung ist, das Nutzvieh sei so wertvoll für den Naturraum, dann sollen sie die Viecher innerhalb der Gärten der Welt stationieren. Diese Ödnis dort könnte ein wenig ‚Förderung der Artenvielfalt‘ gebrauchen.“ Wie erst jetzt durch einen weiteren Bericht von „LiMa+“ bekannt wurde, wurden vor der Veranstaltung Fassadenteile des Informationszentrums von unbekannten Tätern zerstört. Nach der Versammlung wurden zudem Aufkleber und Schriftzüge angebracht, die Protest gegen die Beweidung zum Ausdruck brachten. Das alles steht in einer Reihe von Vandalismusschäden vor, während und nach der IGA: Immer wieder wurden Zäune niedergerissen, einmal sogar ein Bagger angezündet – aber nie jemand gefasst.

Wer hinter den gewaltsamen Aktionen steckt, ist unklar. Sie der Bürgerinitiative anzulasten, wäre unredlich. Kollegin Birgitt Eltzel, die den Bezirk schon länger kennt als ich, wirft den organisierten Kritikern aber vor, dass sie zu Unrecht für sich in Anspruch nehmen, für „die“ Bürger zu sprechen. Die Initiative sei letztlich eine kleine Gruppe, während viele Bürger sowohl die IGA genossen hätten, als auch die Beweidungspläne befürworteten. Stadtrat Martin betont in dem Bericht seine Bereitschaft, über Änderungen an dem Konzept zu sprechen, etwa eine Verkleinerung der eingezäunten Flächen oder eine Öffnung von Weiden, die beim Umzug von Tieren gerade nicht benötigt werden. Diese Diskussion hat der Bezirk schon einmal bei der Hönower Weiherkette geführt – und auch beim Wuhletal dürfte sie unverzichtbar sein. Dafür müssen sich aber auch die Kritiker darauf einlassen. Verbale Abrüstung wäre ein Anfang. Wenn sich die Frontstellung auflöst, können die Mitglieder der Initiative ihre Kenntnisse des Ortes und der Natur irgendwann vielleicht umso besser den vielen Besuchern des Wuhletals vermitteln.

Wort gehalten haben Bezirk und Grün Berlin. Einen Monat eher als vereinbart ist der Kienberg wieder begehbar. Am Donnerstag wurden die Bauzäune am Fuße des Berges abgebaut. Nur der Zugang zum Gipfel ist derzeit noch auf 7 bis 19 Uhr beschränkt. Die letzten temporären Absperrungen sollen bis Monatsende durch eine kleinteiligere Zaunanlage ersetzt werden, die enger um den Wolkenhain und die Natur-Bobbahn verläuft, sodass in Zukunft eine ungehinderte Überquerung des Plateaus rund um die Uhr möglich ist. Die Öffnung der Aussichtsplattform wird dann im Sommer dem Sonnenuntergang angepasst. Der Zugang zu den Gärten der Welt über die Tälchenbrücke ist noch im Bau, wie es in einer Mitteilung des Bezirksamtes heißt, die Toranlage mit Kasse soll ebenfalls bis Ende März fertig sein. Die Kommunalpolitik hatte sich im Herbst ausdrücklich dafür starkgemacht, Einzäunungen auf dem Kienberg zum Schutz vor Vandalismus auf das Nötigste zu beschränken. Sie wollte damit ein Signal an die IGA-Kritiker senden, die von der Furcht getrieben sind, die freie Natur könnte ihnen dauerhaft genommen werden. Es handelt sich übrigens um Natur auf einem Schuttberg, vom Menschen gemacht.

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